Mittwoch, 30. April 2014

bei Technikfragen Tech-Nick fragen


Ich meinte, diese Werbefigur gesehen zu haben, doch dann entschwand sie. Meine Erinnerungen waren weg, und die Botschaft, die runde Gestalt, die großen Augen und das stetige Grinsen über seinem Vollbart und seinem kornblumenblauen Hemd blieben haften: Abgenickt durch Tech-Nick.

Dabei nickte er, selbstsicher, als habe er alles im Griff, über die Rolltreppe trudelte er ein, seine massiger Körper schob sich werbewirksam in Szene. Erst beim vierten, fünften oder sechsten Anschauen der Werbespots von SATURN erkannte ich ihn: es war Antoine Monot jr., den ich beim NRW-Duell mit Bernd Stelter in den Studios des Westdeutschen Rundfunks live erleben durfte.

Welche Vielseitigkeit hatte er von einem Jahr verkörpert ! Als Schauspieler kannte ich ihn nicht, das mag bei mir aber nichts bedeuten, denn die Namen von Schauspielern, die ich mir merke, sind äußerst lückenhaft. Er begleitete den Tatort-Kommissar Oliver Mommsen aus Bremen, dessen rechte Hand er war. Ich lernte, dass er nicht nur Schauspieler war, sondern auch Theater spielte, Filmfestivals veranstaltete, Spielfilme produzierte, Schauspielerpreise verlieh, außerdem war er Mitglied der Deutschen und Europäischen Filmakademie. Seine Aktivitäten waren der Maßstab aller Dinge. Antoine Monot jr. steckte voller Ideen und Kreativität, voller Planungen und Vorhaben, die mich als Zuschauer vieles erwarten ließen.

Und dann Werbung.

Bezogen auf das schauspielerische Potenzial, war dies Abstieg und freier Fall. Ich habe mich ja an einiges gewöhnt. Werbung ist für mich eine Art von Umweltverschmutzung, denn wenn wir von der Bequemlichkeit unseres Produktangebotes profitieren wollen, brauchen wir Informationen – wozu die Werbung einen gewissen Beitrag leistet. Die Informationen der Werbung sind aber Spam, Schrott, sie sind nach den Kriterien der Vernunft nicht filterbar. Daher müssen wir sie so in Kauf nehmen, wie Schadstoffe beim Autofahren entstehen. Beziehungsweise, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung läßt es nicht zu, eine solche unnütze Informationsberieselung zu verbieten. Werbung ist im Endeffekt Belästigung, Störung, vergeudete Zeit.

Antione Monot jr. macht sich so zum Affen. Die Größenordnung ist anders als bei anderen Schauspielern, die Werbung machen. Man kann es Schauspielern nicht verwehren, dass sie ihren Durst mit Bier löschen. So wirbt Matthias Schweighöfer für Krombacher. Rüdiger Hoffmann – Kabarettist – ist als Westfale bodenständig und trinkt gerne Herforder Pils. Wenn sie ihre geliebte Biermarke öffentlich anpreisen, ist dies vielleicht verwerflich, aber eher Kleinkram.

Längst gewöhnt habe ich mich daran, dass Fußballer in Werbespots vorkommen. Wieso die komplette Fußball-Nationalmannschaft bei der Commerzbank ein Girokonto eröffnet, ist mir ein Rätsel. Immerhin zeigen sich die Jungs von Jogi Löw nicht alkoholisiert, denn sie trinken brav die alkoholfreie Variante von Bitburger. Während Mats Hummels seine Kopfhaut mit dem Shampoo „Head and Shoulders“ auffrischt, fährt sein Trainer Jürgen Klopp mit einem Opel Insignia durch die Gegend.

Verglichen mit all den Fußballern, ist die Dimension bei Antonie Monot jr. größer. Er ist in eine Penetrationsstrategie von SATURN hinein geraten. die berieseln will, um in Intensitäten und in Variationen auf den Fernsehbildschirmen zu flackern, die höher sind als bei Shampoos oder einem Opel Insignia.

Was Mats Hummels als Spieler oder Jürgen Klopp als Trainer gleichgültig ist, wird bei Antoine Monot jr. zum Verlust seiner Glaubwürdigkeit. Schauspieler leben mit ihren Rollen. Wenn ich Til Schweiger sehe – der für König-Pilsener geworben hat – oder Axel Prahl und Jan Josef Liefers – die Werbung für Toyota gemacht haben – oder Uwe Ochsenknecht – der für Appenzeller Käse geworben hat – sehe ich keinerlei Indikation, dass das Anspruchsniveau ihrer schauspielerischen Leistung nicht gedrückt wird. Es gibt da keinen Zusammenhang – als Tatort-Kommissare oder in anderen Rollen.

Antoine Monot jr. macht sich zum Affen der Werbung. In „Abgenickt durch Tech-Nick“ ist er zu einem Kunst-Produkt geworden, das nichts mehr mit seiner Identität als Schauspieler zu tun hat. Er nickt. Wandel und Anpassungsfähigkeit sind schier grenzenlos. Große Kinderaugen ahmt er nach, er fiebert mit den Computerspielen seiner jugendlichen Kundschaft, die exotischsten Kundenwünsche pariert er mit einem Lächeln; Freude, Erlösung, Ärger und Verzweiflung seiner Kunden spiegeln sich als direkte Rückkopplung in seinem Gesicht wieder.

Den Glaubwürdigkeitsverlust wird er kaum wieder gut machen können, dass er sich vor den Karren hat spannen lassen. Ich sehe in ihm nur noch diese schlacksige Figur, die sich dreht und wendet, wie andere es haben wollen. Einem Wolfgang Stubbe, einer Hannelore Elsner oder einem Mario Adorf würde so etwas niemals passieren. Sie sind konsistent. Sie spielen nur das, was ihrem inneren Selbstverständnis entspricht. 





Sonntag, 27. April 2014

Transformatorenstation

Vor mehr als 100 Jahren begann die Stromversorgung im Rheinland, als rechtsrheinisch 1898 in Solingen-Müngsten das erste Wasserkraftwerk an der Wupper und 1908 in Düsseldorf-Reisholz das erste Kohlekraftwerk gebaut wurde. Von den größeren Städten ausgehend, wurden auch die ländlichen Bereiche mit Strom versorgt. Genauso wie heute, erzeugten die  Kraftwerke den Strom unter Hochspannung, der dann für die Endverbraucher in eine niedrigere Spannungsform umgewandelt werden musste. Der Unterschied zu der heutigen Umwandlungsform bestand darin, dass eigene Gebäude mit Trafotürmen den Strom umwandelten.






Eine solche Transformatorenstation aus dem Jahr 1913, die ursprünglich in Hückeswagen aufgebaut war, ist nun im Freilichtmuseum Lindlar zu sehen, welches wir besucht haben. Die Transformatorenstation wurde genau 100 Jahre später, nämlich 2013, in drei große Teile mit einem Gesamtgewicht von 35 Tonnen zerlegt und im Freilichtmuseum wieder aufgebaut.

Samstag, 26. April 2014

Kranhäuser


Ich habe mich ertappt.

Lauthals und unverblümt hatte ich gemeckert. Die moderne Architektur fand ich gräßlich, darüber hatte ich mich in meinem Post über Hennef ereifert. Die Neue Mitte in Hennef empfand ich als nutzlos, kalt, menschen-abweisend. Einen völlig verkehrten Geschmack hatten Stadtplaner und Architekten gehabt.

Hier, im Kölner Rheinauhafen, reißen nun meine inneren Widersprüche auf. Obschon die Bürokräne komplett aus Beton und Glas bestehen, zieht mich die Gesamtkomposition an, da die Bürokräne mit den Kleckerresten von alten Hafenanlagen ein harmonisches Gebilde ergeben. Der Kölner Rheinauhafen und die Neue Mitte in Hennef – meine Eindrücke von moderner Architektur sind völlig gegensätzlich.

2010 fertiggestellt, hat die Silhouette der drei Bürokräne über dem Rhein fast den Status eines Denkmals erlangt. Dabei folgte Köln – wie bei anderen Großbauten in der Innenstadt – der Landeshauptstadt Düsseldorf mit ihren Trends neuer Großstadtarchitektur. Architekten und Stadtplaner vermieden einen Totalabriss. Sie suchten eine Kombination von Alt und Neu, wobei aufgrund der Kriegszerstörungen und dem übermächtigen Baustil der 1950er und 1960er Jahre neue Stilrichtungen überwogen.

In beiden Städten, Köln und Düsseldorf, waren Häfen in Vorstädten ausgebaut worden, so dass Hafenflächen in der Innenstadt frei wurden. Häfen genießen bei der Stadtentwicklung besondere Vorzüge: sie liegen zentral, an den Verkehrsadern von Flüssen gebaut, die Gebäude umringt von Seitenbecken. Gleisanlagen führten über Halbinseln, auf denen um- und verladen wurde. Lagerhäuser mit immensem Fassungsvermögen ragen in die Höhe.

Für Stadtentwicklungsplanern waren diese 1a-Immobilien, die sich zu Top-Standorten in Innenstadtnähe mit exzellenter Verkehrsanbindung ausbauen ließen, eine Goldgrube. So wurde der Düsseldorfer Hafen 1999 umgebaut zu einem Standort für Medien, Büros und Künstlerateliers. Köln folgte 2010.

Der Kölner Rheinauhafen wurde 1898 fertiggestellt, er liegt innenstadtnah etwa 15 Gehminuten vom Dom entfernt. Die Hafenanlagen begannen mit dem Zollhafen, dann folgten Lagerhallen, Gleisanlagen und Kranbahnen zur Entladung. Am anderen Ende des Hafenbeckens befand sich das städtische Hafenamt, das Krafthaus zum Betrieb der hydraulischen Anlagen, ein Lokschuppen und der Hafenbahnhof. Dahinter erstreckte sich ein 170 Meter langes Lagergebäude, welches wegen seiner sieben Giebeln auch „Siebengebirge“ genannt wurde.

Allzu viel ist freilich nicht stehen geblieben, doch die drei Kranhäuser spornen die Phantasie an. Bürogebäude und Wohnen vermischen sich untereinander, wobei der Luxus absolut teuer ist, sich eine solche Wohnung leisten zu können. So werden normal sterbliche nicht in der Lage sein, 3.000 € Warmmiete für 130 Quadratmeter Wohnfläche aufzubringen, trotz der umwerfenden Aussicht auf Rhein und Dom, zuzüglich Einmalbetrag von 10.000 € für einen Tiefgaragenstellplatz, wenn man denn motorisiert ist.

Die Begegnung von einem originalen Kran mit dem künstlichen Kranhaus ist ein wahrer Aufreger. Die Architektur ist kühn, gewagt. Die Formen erschlagen mich mit all ihrer Wucht, Vision und Wirklichkeit berühren sich in luftiger Höhe. Umrauscht vom allgegenwärtigen Verkehr auf der Rheinuferstraße, staune ich, wie ich an der Rheinpromenade meine Ruhe finde. Großstadt, moderne Architektur, Zuversicht, Bejahung, Hektik und Ruhe vereinigen sich zu einer einem seltenen Kondensat, das nur in der Vielfalt auf engem Raum in einer Großstadt entstehen kann. Jede Stelle kann zum Brennpunkt werden, zum privilegierten Ort, an dem alles die entscheidende Wendung erhalten kann. Im Sinne von Le Corbusier, der in den 1920er Jahren die moderne Architektur prägte, verwandelt sich die Stadt in ein Medium der Schnelligkeit. Ein Stück der Charta von Athen, dem Grundbuch des funktionalistischen Städtebaus der Moderne, finde ich hier genauso wieder: der Zyklus der täglichen Funktionen, wohnen, arbeiten, sich erholen, all dies unter dem Gesichtspunkt der größten Zeitersparnis.

Ich habe mich ertappt. Ich bin fasziniert.

Und dennoch, ich spüre den Drang der Architektur nach Ruhm und Ehre. Die Formen sind gewagt, sie ringen nach Aufmerksamkeit. Der Ton ist schrill, so wie die Werbung, die mit bunten Farben und schrägen Sprüchen die Masse erreichen will.

Der Geist des MIPIM-Award schwebt über dem ersten Kranhaus. „Business Centre“, das war die Kategorie, in der das Kranhaus  in Cannes ausgzeichnet wurde. So funktioniert moderne Architektur: wenn die Mischung von Alt und Neu passt, kann sie auch gefallen. Das ist aber eher die Ausnahme. Ich kenne fast nur die identitätslosen, uniformierten Baustile, die abschrecken. Die Menschen sind dann gezwungen, sich dort wohlzufühlen. Und so mancher Architekt wird nach Preisen und Auszeichnungen gieren, die er dann – berechtigterweise – nicht erhält.

Donnerstag, 24. April 2014

Formlos (8) - 2 Stunden 8 Minuten

Wir trafen uns in einer Örtlichkeit, die man gemeinhin als Eckkneipe bezeichnete. Das Rennen „Rund um Köln“ war gelaufen, über die Hauptstraße von Köln-Kalk, an der niedrigen und klein geduckten Kalker Kapelle vorbei, wann war ich jemals in Köln-Kalk ? An einer großen Kreuzung links, dann rechts, ich verlor mich im Nirgendwo des Stadtteils Köln-Höhenberg, wo mich die Straßennamen „Saalfeld“, „Erfurt“ oder „Weimar“ weit weg in den Osten unserer Republik versetzten.

Ich war ausgepowert, ich schleifte ich meine Tritte auf meinem Rennrad vorwärts, mühsam, angestrengt, willenlos, in Schweiß gebadet, und selbstsicher flatterte meine Rückennummer 2805 im Fahrtwind. Die Fahrt zu der Eckkneipe war so etwas wie mein persönlicher Triumphzug, eine elektrisierende Mischung aus Glück und Erschöpfung, denn mit 2 Stunden 8 Minuten hatte ich noch nie so schnell die 69 km von „Rund um Köln“ bezwungen.

Gerne hatte ich das Angebot angenommen, in diesem Jahr im Team an „Rund um Köln“ teilzunehmen. Einzelfahrer können sich zu einem Team zusammentun, und ein anderer Rennradler, der auf derselben Straße wie ich wohnt, hatte mich angesprochen, bei einem Team mit sechs Fahrern mitzumachen. „Lose Speiche“ hieß das Team, der Name ließ eine schlechte Rennradtauglichkeit vermuten, doch dem war nicht so. Ich habe noch nicht ergründen können, wer diesen seltsamen Namen erfunden hatte.

Das „Weimarer Stübchen“, die besagte Eckkneipe, in der wir „Lose-Speiche“-Fahrer „Rund um Köln“ ausklingen und Revue passieren ließen, war umgeben voller Mietskasernen. Es waren aber nicht diese tristen, grauen, kalten und strukturlosen Mietswohnungen, die ich sonst mit Armut und sozialem Wohnungsbau verband. Die Gemeinnützige AG für Wohnungsbau hatte die vierstöckigen Mietsklötze mit einem satten, zartgelben Anstrich heraus geputzt. Gediegen, alt und als hübsches Zierelement umschloß eine Klinkerfassade die Erdgeschosse.

Dirk, Martin, Frank, Mario, Andreas und meine Person: Hanno hatte bereits seinen Nachhauseweg angetreten, wir übrigen sechs waren im „Weimarer Stübchen“ angelangt, das Assoziationen an die neuen Bundesländer hervorrief, genauer gesagt, am Schnittpunkt von Kösener Weg und Weimarer Straße.

Was es bedeutete, im Team mitzufahren, weckte in mir eine mentale Revolution. Ein Plakat „Hopp Hopp Lose Speiche“ begrüßte uns, es gab ein richtiges Fotoshooting, aus uns wurde eine Art von Helden. Wie die Fußball-Weltmeister 1954 kamen wir uns im Kleinen vor, Jubel und Applaus empfingen uns. Der Wirt Bernie, ein eingewanderter Hanseat aus Hamburg, ließ es sich nicht nehmen, uns ein Faß Kölsch zu spendieren. Gulaschsuppe wurde serviert, wir konnten uns stärken, und zuvor hatte ich es genossen, mich auf der Toilette frisch zu machen und mich meiner vor Schweiß triefenden Rennradbekleidung zu entledigen. Lässig, meine Beine in den Jeans pendelnd, genoß ich es, mein Gesäß auf einem stink-normalen Stuhl in Sitzstellung bringen zu dürfen, nach der knüppelharten Aufsitzerei über viele Stunden hinweg auf wenigen Quadratzentimetern Fahrradsattel. Meine vier Buchstaben breiteten sich in eine ungeahnte Freiheit aus, meine Beine konnte ich in die Länge dehnen. Von diesem Nullpunkt aus konnte mein Körper wieder neu aufblühen.

Wir debattierten, philosophierten, resümierten und kamen alle zu dem gleichen Ergebnis, als die Rennergebnisse auf unseren Smartphones bekannt gegeben wurden. Wir hatten uns verbessert. Allesamt waren wir bessere Zeiten als im Vorjahr gefahren. Dirk war Spitzenreiter und hatte in 1 Stunde 47 Minuten das Ziel erreicht. Fünf Fahrer waren schneller als die magische Zeit von zwei Stunden, ich war langsamer und hatte 2 Stunden 8 Minuten gebraucht. Die steilen Anstiege in Kürten, Bergisch Gladbach und Bensberg waren wir locker hinauf gestiegen, und das letzte gerade und ebene Stück bis Köln hatten wir noch einmal mächtig aufgedreht und das Optimum aus uns heraus geholt.

Allesamt hatten wir mit unserem Sportsgeist Meisterleistungen vollbracht. Als das Kölsch floß und der Durst gelöscht war, stellte ich fest, dass ich in einer Gruppe neue Horizonte entdecken konnte. In einer Welt voller Blogs und Facebook, war mir diese Welt mit persönlichem Kontakt zuletzt abhanden gekommen. Das war nichts virtuelles, denn meine Mitstreiter saßen körperlich da. Blogs und Facebook wuchsen in einem luftleeren Raum, sie kamen und gingen, pusteten sich wie eine Blase auf und zerplatzten, wenn man danach tastete. In unserem Team spürte ich nun eine Substanz, dieses Event gemeinsam erlebt zu haben. Dieser Moment war monumental, dauerhaft und nachhaltig.

Die 2 Stunden 8 Minuten werde ich noch lange in meinem Herzen tragen. Das Erlebnis in der Gruppe stärkt. Egal, welche Masse von Fotos im Internet, Facebook & Co gepostet werden.

p.S.:
da ich keinerlei Aktivitäten mehr erkennen kann, wird dies mein letzter Post unter der Rubrik „Formlos“ sein; sicherlich wird es weitere Texte geben, die lebendige Augenblicke beschreiben; ich werde sie dann aber nicht mehr unter der Überschrift „Formlos“ plazieren

Sonntag, 20. April 2014

frohe Ostern

Ich wünsche euch allen ein frohes Osterfest, viel Spaß beim Ostereier-Suchen und Ruhe und Entspannung an den Feiertagen. Die Ostertage sind für mich Blog-frei, so dass ihr erst in der nächsten Woche wieder von mir hören werdet. Drückt mir bitte für den Ostermontag die Daumen, denn zum 4. Mal werde ich mit meinem Rennrad an dem Jedermannrennen „Rund um Köln“ über 69 Kilometer teilnehmen. Vor allem, dass der Wetterbericht Recht behalten möge, dass die Schauer und Gewitter erst am Nachmittag einsetzen, wenn das Rennen vorbei ist. Das Erlebnis in den Vorjahren war jedenfalls grandios, so viel Begeisterung, von so viel Menschen angefeuert zu werden, und solche eine Wertschätzung, das Ziel erreicht zu haben. Frohe Ostern. Es muss nicht so sportlich sein. Im Kreis unserer Familie werde ich wie so viele andere das Osterfest genießen.


Donnerstag, 17. April 2014

Apollinaris - The Queen of Table Waters


Heiliger Apollinaris
Dem Ahrwinzer Georg Kreuzberg war unheimlich zumute, nachdem er 1852 das Flurstück 1 Nr. 640 ersteigert hatte. Die 15 Taler, die er blechen musste, rentierten sich nicht. Seine Weinstöcke verkümmerten, die Weinlese fiel aus, während jenseits an den Hängen der Ahr vorzüglicher Spätburgunder gedieh.

Solch ein Pech. Er fluchte. Der Boden musste Schuld sein, er vermutete vegetationsabweisendes Schiefergestein, daher ging er den Dingen auf den Grund: eine Tiefenbohrung sollte für klare Verhältnisse sorgen, ob der Verlustbringer endgültig war, wie er seinen Fehlgriff verkraften konnte, Geld zum Fenster hinaus geschmissen zu haben.

Doch je tiefer der Bohrer ins Erdreich eindrang, um so mehr wurden aus Unheimlichkeit und Befremden Überraschung und Zuversicht. Ein prickelnder Luftzug stach in seine Nase. Als er ein Streichholz anzündete, erlosch es. In 50 Fuß Tiefe hatte er eine kohlensäurehaltige Quelle entdeckt. Stickluft entwich aus dem Bohrloch, und als das Gasgemisch im Labor untersucht wurde, entdeckten die Chemiker so manche Zutaten, die Gesundheit und ein langes Leben versprachen: Magnesium beruhigt das Nervensystem, Kalzium stärkt den Knochenbau, Sulfate entgiften die Leber, Chloride regen die Verdauung an, Jodide regulieren den Hormonhaushalt.

Der Kaufmann und Winzer Georg Kreuzberg betrachtete die Quelle als göttliche Fügung. Einstige Vulkane hatten Magma in tieferen Schichten zurück gelassen, das beim Erkalten Kohlendioxid ausschied. Über Spalten und Klüfte strömte es zum Grundwasser, wo es sich zu Kohlensäure löste und die Zutaten von Mineralstoffen und Spurenelemente hinzufügte.

Werksgelände
Georg Kreuzberg erkannte den Trend der Zeit. 1853 erteilte die preußische Regierung die Konzession, um Mineralwasser zu fördern und abzufüllen. Georg Kreuzberg benannte das Mineralwasser nach dem Heiligen Apollinaris von Ravenna, dessen Gebeine im 13. Jahrhundert in das nahe Remagen gelangten. In der Folgezeit hatten rege Wallfahrten eingesetzt.

1857 baute Georg Kreuzberg eine eigene Fabrik mit Abfüllanlage, direkt vor den Toren von Bad Neuenahr, das als Kurort gleichzeitig mit den heilenden Quellen des Heiligen Apollinaris entstand. Georg Kreuzberg entwickelte ein neues Verfahren, Mineralwasser mit eigener Quellkohlensäure zu versetzen, so dass der Anteil sprudelnder Kohlensäure stieg und damit die Haltbarkeit.

Georg Kreuzberg expandierte. Er nutzte den Verkehrsweg des nahen Rheins, damit seine Firma auf globalen Märkten  vertreten war. Das sprudelnde Wasser zirkulierte nicht in der Glasflasche um den Globus, die erst um die Wende zum 20. Jahrhundert transportüblich wurden, erst recht nicht in PET-Flaschen, sondern in Tonkrügen aus dem Kannenbäcker Land im Westerwald, denn so wurde das Wasser über Monate und Jahre hinweg haltbar.

Diese Haltbarkeit war Grundlage, denn von London aus wurde das weltweite Geschäft gesteuert. Georg Kreuzberg gründete eine eigene Vertriebsgesellschaft, nicht mit „beschränkter Haftung“, sondern „Limited“ mit britischem Handelsregistereintrag. Natürlich die USA, selbst die indische Kolonie und die Südseeinseln, natürlich das übrige Europa. Und Großbritannien: das Mineralwasser eroberte die Insel wie im Rausch. Die Briten waren verrückt danach, wie die Kohlensäure sprudelte. „Klar wie Kristall, weich wie Samt, moussierend wie Champagner“, so beschrieben sie das Mineralwasser von Apollinaris.
Werksvilla
Es wurde so beliebt, dass es bis zum englischen Königshaus gelangte. Dieser verlieh Produkten mit herausragender Qualität ein Gütesiegel, das war ein rotes Dreieck. 1892 erhielten die Mineralwasser von Apollinaris vom englischen Königshaus die Auszeichnung, und 1894 ließ der Sohn von Georg Kreuzberg, Anton Kreuzberg, nach dem „Gesetz zum Schutz der Warenbezeichnungen“ den Schriftzug von Apollinaris, das rote Dreieck und den Wahlspruch gegen Nachahmung schützen (Georg Kreuzberg starb 1873). Seitdem nennt sich Apollinaris „The Queen of Table Waters“. 1897 benannte die Queen höchst persönlich Apollinaris zum Hoflieferanten.

Die globalen Absatzmärkte brachen nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen und konnten sich danach nicht mehr erholen. 2006 ist Apollinaris von Coca-Cola aufgekauft worden. Seit 1. Januar 2014 beschränkt sich Apollinaris auf den deutschen Absatzmarkt. Dennoch überstrahlt Apolinaris die übrigen Mineralwasser-Marken. Einen adligen Titel wie „The Queen of Table Waters“ hat kein anderes Mineralwasser.

Dienstag, 15. April 2014

Erdbeeren


Zufall und Geduld fügten sich zusammen, als die Erdbeere Europa eroberte.

Bereits in der Steinzeit ernährten sich die Menschen von Beeren jeglicher Art, darunter auch Erdbeeren. Doch diese Art von Erdbeeren wuchs wild, gedieh auf humusartigen Böden in Wäldern. Und vor allem: die Früchte waren winzig, klein, sie schmeckten bitter und hatten nur wenig mit dem vollmundigen Geschmack von Erdbeeren gemein, wie wir ihn heute kennen.

1712 war es der französische Offizier Amedée-Francois Frézier, der auf einer Reise durch den Pazifik in Chile landete. Dort entdeckte er in den Wäldern an der Küste Erdbeeren, die um ein vielfaches größer waren als diejenigen, die er aus seiner Heimat Frankreich kannte. Der Geschmack war freilich etwas fade, aber sie wuchsen in Hülle und Fülle, und gut konnte er sich satt davon essen.

Gut gehegt, gepflegt und bewacht, entschloss er sich, auf der Rückreise fünf Erdbeerpflanzen nach Frankreich mitzunehmen. Als er in seine Heimat in der Bretagne zurückkehrte, pflanzte er die fünf Erdbeerpflanzen in seinem Garten in Saint-Malo. Gespannt wartete er auf das nächste Frühjahr, um sich an den üppigen Erdbeeren reichlich satt zu essen. Doch die Enttäuschung war groß. Die Ableger der fünf Erdbeerpflanzen breiteten sich zwar fleißig aus, weiße Blüten sprossen, es wuchs aber keine einzige Erdbeere.

Amedée-Francois Frézier war Allround-Genie. Als Offizier, Architekt, Entdecker und Kartograph war sein Garten Nebensache, um den er sich beizeiten kümmerte, und den er zwischendurch fleißig vor sich her wachsen ließ.

Amedée-Francois Frézier war ein geduldiger Mensch. Sagenhafte dreißig lange Jahre sollte es dauern, bis er mit seiner „fragaria chiloensis“ aus Chile die ersten Erdbeeren ernten sollte. Helfen sollte ihm dabei eine Erdbeer-Sorte, die französische Händler aus der anderen Ecke Amerikas mitgebracht hatten – und die Bienen.

Amedée-Francois Frézier hatte nämlich nicht genau hingeschaut und aus Chile fünf weibliche Erdbeerpflanzen nach Europa gebracht. Im 18. Jahrhundert hatte das Zeitalter begonnen, als Waren über Schiffe um den Globus zirkulierten und die großen Schiffsrouten über Afrika und Amerika nach Europa führten. Kanada war (noch) französische Kolonie, und parallel zu Amedée-Francois Frézier entdeckten französische Handelsleute in Kanada eine Erdbeersorte, die „fragaria virginiana“, die kleiner war und den Walderdbeeren ähnlich war, aber dafür zuckersüß schmeckte.

Wie der Zufall es wollte, kamen die Händler auch aus der Gegend von Saint-Malo in der Bretagne und nahmen mehrere Erdbeerpflanzen mit, pflanzten sie in ihren Gärten und ihnen schmeckten die runden, süßen Früchte hervorragend, die aber kaum größer als eine Himbeere waren.

Die Bienen vollendeten das Werk, indem sie durch die Gegend summten und die „fragaria chiloensis“ mit dem Staub der „fragaria virginiana“ bestäubten. Genau 28 Jahre später, 1740, reiften Erdbeeren an der „fragaria chiloensis“ Die Früchte, eine Kreuzung dieser beiden Erdbeersorten, waren gleichzeitig groß und süß. Unseren heutigen Erdbeeren bereits sehr ähnlich, pflanzten die Bretonen diese neue Frucht im botanischen Garten eines Klosters in ihrer Haupt- und Hafenstadt Brest. Der Abt der Klosters benannte diese Kreuzung nach dem Heiligen „Saint-Joseph“.

Danach war der Siegeszug der Erdbeere in Europa nicht mehr aufzuhalten. Die Niederländer kreuzten die „Saint-Joseph“ wiederum mit dortigen Walderdbeeren, so dass sich die Frucht vergrößerte. 1750 entstand die „fragaria ananassa“, tiefrot und voll praller Frucht, die so unserer heutigen Gartenerdbeere sehr nahe kommt.

In unserem Garten hat die Erdbeere längst ihren Siegeszug angetreten. Fünf Jahre lang haben wir viele leckere rote Früchte ernten können, aber sie hatten sich ungehemmt ausgebreitet, in den Ritzen der Randsteine, zu den angrenzenden Beeten, bis in unseren Rasen hinein, durch den Maschendrahtzaun zu unserem Nachbarn, und ihre Erträge waren im letzten Jahr etwas zusammen geschrumpft.

Einmal ausreißen und auf den Kompost. Den Neubeginn habe ich gewagt. Die nächste Generation von 24 Erdbeerpflanzen aus dem Discounter steht nun in Reih und Glied. Schön, wie sauber und akkurat und aufgeräumt dass das kleine Stückchen an dem Zaun zu unserem Nachbarn nun aussieht.

Auf die Früchte der „fragaria sonata“ freue ich mich bereits. 

Sonntag, 13. April 2014

zerschlagen

Im Jahr 1931 gründete Adolf Boge, der Dreher gelernt hatte, eine Firma, die Werkzeuge herstellte. Adolf Boge war Tüftler, Autos waren seine Leidenschaft, und kurz darauf entwickelte er einen Hebelstoßdämpfer, der Unebenheiten auf Straßen deutlich stärker abfederte. Die Firma wuchs, und mit dem Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit wurden Stoßdämpfer und Gummimetallteile  in alle bedeutenden PKWs eingebaut. Anfang der 1990er Jahre geriet die Firma in eine finanzielle Schieflage, als die Automobilfirmen die Preise gegenüber den Zulieferfirmen drückten. Die Unternehmensführung entschloss sich in dieser Situation, ihre Firma an Mannesmann zu verkaufen, die elektronische Komponenten an die Automobilindustrie zulieferte und ihr Zulieferergeschäft mit Stoßdämpfern ergänzen konnte.1999 übernahm Vodaphone die Aktienmehrheit bei Mannesmann, was einer feindlichen Übernahme gleichkam. Vodaphone verkaufte 2001 das Automobilzulieferergeschäft an die Firma ZF in Friedrichshafen, da dieses nicht zum Kerngeschäft gehörte. Die Firma ZF konsolidierte, da die Konkurrenten Fichtel & Sachs, die ebenso Stoßdämpfer herstellten, zu ZF gehörten. Ab diesem Zeitpunkt war unsicher, ob die Produktion am Standort Bonn erhalten bleiben würde. Der Umfang der Produktion sank, und die Zukunft der Beschäftigten wurde zur Hängepartie. 10 Jahre brauchte die ZF Friedrichshafen AG für ihre Entscheidung, an welchen Standorten langfristig produziert wird.  Bonn gehörte nicht dazu. Allen Bonner Beschäftigten wurde angeboten, in das Werk der ZF Friedrichshafen AG in Damme/Niedersachsen (bei Osnabrück) zu wechseln. Doch die Unruhe hielt an. Damme setzte einen drauf. 2013 verkaufte die ZF Friedrichshafen ihr Werk in Damme nach China, und zwar an die Zhouzhou Times New Material Technology Company. Die Hängepartie der Beschäftigten in Bonn dauert nunmehr 13 Jahre an. Ein Ende ist nicht absehbar, selbst wenn diese bereit waren, nach Damme in Niedersachsen umzuziehen.













Eindrücke vom Werksgelände und von der eingestellten Produktion.

Freitag, 11. April 2014

Chemie-Unfall

Die gute Nachricht vorweg: es ist glimpflich ausgegangen.

Chemie ist mir suspekt, solange ich sie kenne. Nicht in der Schule, denn ich hatte Chemie sogar als Abiturfach, und all die Experimente mit Knalleffekten und viel Rauch brachten eine Abwechslung in den Unterricht, so dass sie andere Schulfächer gelangweilt aussehen ließen.

Die Skepsis kam, als ich nach Köln gezogen war. Ich erkundete nicht nur die pulsierende Domstadt, sondern auch, wie es drum herum aussah. Das war nicht immer hübsch, denn ich erfuhr, dass linksrheinisch ein Industriegürtel wie ein Halbkreis die Millionenstadt einschnürte, so dass die grüne Lunge von Köln eher in der Parkanlagen des Militärrings zu finden war als außerhalb. Und dieser Industriegürtel steckte auch voller Chemie.

Zuerst stieß ich auf die Bayer-Werke in Dormagen. Eigentlich wollte ich das kleine Städtchen Zons mit seiner Stadtmauer kennen lernen, das liegt auf der linken Rheinseite auf halber Strecke zwischen Köln und Düsseldorf. Ich fuhr mit dem Finger über die Landkarte, wählte die B9 von Köln nach Düsseldorf, um gemächlich und in Ruhe mit dem Auto zu fahren.

Doch dann, hinter der Stadtgrenze von Köln, marschierten die Bayer-Werke auf, als künstliche Welt aus lauter Kesseln, Rohren, Dampf, Abgasen und Schornsteinen. Die geballte Ladung von Chemie schlug wie ein Hammer auf meine Gefühlswelt ein. Eisenbahngleise schlängelten sich durch das Gelände. Waggons warteten darauf, dass etwas mit ihnen geschah. Doch was geschah, war unsichtbar, versteckte sich hinter Bandwurmformeln, hatte eine Geheimsprache, die sich so abschottete wie Ärzte mit lateinischen Fachbegriffen,  und die Produktion spielte sich in all den Kesseln und Rohren ab. Ein unsichtbares Geheimnis wanderte durch ein undurchschaubares System von Kesseln, bis es zum Schluß in den Kessel eines Eisenbahnwaggons oder eines LKWs wanderte. Und in umgekehrter Reihenfolge fuhren massenweise LKWs mit Kesseln durch die Werkstore. Die Bayer-Werke in Dormagen waren ein Schock. Jahre später kam ich an den Bayer-Werken in Leverkusen vorbei, wieder später an den Chemiefabriken in Köln-Merkenich, Köln-Godorf und Wesseling.

Die Chemie-Katastrophe von Seveso im Rücken, die 1976 geschah, wähnte ich mich auf einem Pulverfaß, als wir 1988 in diese Gegend zogen, Luftlinie zehn Kilometer von Wesseling entfernt. Sollte uns eine Chemie-Katastrophe um die Ohren fliegen, hätte ein strammer Westwind eine Giftwolke geradewegs auf uns zugeweht. Skeptisch schaute ich nach Westen, ob an den rauchenden Schornsteinen in der Ferne nichts ungewöhnlich war. Mit unserem Wohnort war ich gezwungen, mich mit der Chemie zu arrangieren. Wie normal dies war, verblüffte mich. Meine Skepsis wich einer Sicherheit, dass die Schornsteine vor sich her rauchten, friedlich, ohne dass es nur einen Anschein haben könnte, dass etwas schlimmes passieren könnte. Bis zum letzten Montag. Das dauerte immerhin 26 Jahre, bis die Dinge aus dem Ruder liefen.

Sämtliche chemischen Anlagen werden in bestimmten Zyklen gewartet, darunter auch Rohrleitungen. Während der Wartungsarbeiten wurde ein Rohr beschädigt, das zur Elektrolyse führte, so dass Chlorgas entwich. Chlorgas schädigt die Atemwege und kann in hohen Konzentrationen tödlich sein. In Ersten Weltkrieg wurde Chlorgas als chemischer Kampfstoff eingesetzt. Die Vorgaben des Katstrophenschutzes zwingen die Verantwortlichen dazu, in einem solchen Fall Katastrophen-Alarm auszulösen.

Mich ereilte die Nachricht, als ich gegen 21 Uhr vom Einkaufen aus dem Supermarkt zurückkehrte. Türen und Fenster schließen, war meine Frau über What’s App gewarnt worden. Ob ich etwas in der Luft gerochen hätte. Ob ich die Sirene gehört hätte. Ich verneinte beides. Alles kam mir so normal vor wie an jedem anderen x-beliebigen Tag. Meinen Laptop hochzufahren, um mich über Details zu informieren, hätte ich mir sparen können, denn gleichzeitig kam die Entwarnung. Das Leck im Rohr sei abgedichtet worden und die Konzentration von Chlorgas in der Luft sei unkritisch. Zu keinem Zeitpunkt habe Gefahr für die Bevölkerung bestanden.

Es war also glimpflich ausgegangen. Die nächsten Jahre und Jahrzehnte wird sich meine Einstellung nicht ändern, dass Werksfeuerwehr und Katastrophenschutz in unseren Chemiefabriken ihren Job machen. Rohrleitungen und Kessel rosten mit zunehmendem Alter vor sich hin, und mit deutscher Gründlichkeit und peinlich genau achten die Verantwortlichen darauf, dass Schadstoffe und Giftcocktails unsere Gesundheit nicht gefährden.

Dennoch habe ich herumgeblättert, welche Unfälle sich in den letzten Jahrzehnten um uns herum in Chemiefabriken ereignet haben.
  •      1968 kommt es im DDR-Chemiekombinat Bitterfeld beim Entweichen von Vinylchlorid zu einer Explosion, bei der 42 Arbeiter sterben
  •       1974 brennt es in der Chemiefabrik Flixborough in England; der Brand erfaßt eine Rohrleitung mit Cyclohexan, die mit einer Wucht von 45 Tonnen TNT explodiert; neben den 28 Toten wird auch ein Teil der umstehenden Gebäude beschädigt
  •       1976 breitete sich eine Giftwolke von Dioxin, die aus einem Ventil in der italienischen Chemiefabrik in Seveso entweicht, auf einem 6 Quadratkilometer und dicht besiedelten Gebiet aus; die Bevölkerung wurde erst acht Tage später über den Chemie-Unfall informiert
  •       2001 explodieren auf der Deponie einer Düngemittelfabrik in Toulouse in Frankreich 100 Tonnen Ammoniumnitrat; auch hier wird neben den 31 Toten ein Teil der umliegenden Gebäude beschädigt
  •       2002 explodiert wegen eines undichten Ventils in einer Firma für technische Gase in Ludwigsburg ein Sauerstofftank; ein Arbeiter wird getötet
  •       2012 bricht in Marl auf einem Chemiegelände mit 100 Produktionsanlagen ein Großbrand aus; zwei Arbeiter werden getötet
  •       2013 reinigen die beiden Fahrer den Tank ihres LKWs in Moers, als Dibutylphthalat in den Tankraum eindringt; die beiden Fahrer sterben an Vergiftung

Ich glaube, eine gewisse Lernkurve aus der Anzahl der Toten auf der Zeitschiene heraus zu lesen. Die Verantwortlichen sind sensibilisiert, die Sicherheitskonzepte greifen. Speziell in Deutschland fehlen glücklicherweise diejenigen Fälle, dass bei Chemie-Unfällen die Bevölkerung Schaden genommen hat. Wenn eine Giftwolke aus einem Chemiewerk entweicht, dann kommen alle glimpflich davon, weitestgehend.

Die Chemie bleibt aber ein Pulverfaß. Mit dem Outsourcing globalisieren sich die Katastrophen. Die großen Chemie-Katastrophen ereignen sich nicht mehr vor unserer Haustüre, sondern auf dem restlichen Globus. So explodierte 2005 in Jilin in China  eine Ölraffinierie. Außer dass fünf Arbeiter starben, flossen 100 Tonnen Benzol und Nitrobenzol in den Songhua-Fluss. Mehrere Millionen Menschen konnten bis auf weiteres nicht mehr mit Trinkwasser versorgt werden.

Die gute Nachricht für uns in Deutschland ist: solche Umweltkatastrophen in einem solchen Ausmaß wie in China sind bei uns eher unwahrscheinlich. 

Mittwoch, 9. April 2014

Städte im Rheinland (5) - Hennef

Place Le Pecq
Hennef ist eine Stadt der Vorstellung. Wirklich schöne Plätze muss ich mir in meiner Phantasie vorstellen. Der Ort der Vorstellung liegt 500 Kilometer weit weg, kurz hinter Paris, an der Grenze zu den blühenden Gärten der Normandie. „Le Pecq-sur-Seine“ heißt die Stadt der Träume.

Doch hier in Hennef ist die Realität anders geartet. Der „Place Le Pecq“, der der französischen Partnerschaftsstadt gewidmet ist, ist nicht behaglich und auch kein Wohlfühlfaktor. Die Realität holt mich schnell ein, als meine Eindrücke platt gewalzt werden von einem einsamen Bürogebäude, dessen Formen auf einen Bauklotz reduziert sind. Praktisch, barrierefrei und zuverlässig, schiebt sich der Fußgängerweg unter die Bahnunterführung, begleitet von Treppenstufen, die seitwärts hastig ansteigen. Die Seele Hennefs versteckt sich unter Bodenplatten, dessen viereckiges Muster in der Unendlichkeit zu zerrinnen scheint. Die orangefarbene Einrahmung des Bürokomplexes ist so starr, dass die Bewegungen von Passanten in der Langeweile stehen zu blieben scheinen. Le Pecq-sur-Seine muss viel hübscher sein, dass beschließe ich jetzt und hier für mich.

Pfarrkirche St. Simon
Hennef steckt voller Abbrüche, Umbrüche und Aufbrüche. Alles ist in stetigem Wandel begriffen. Es fällt schwer, sich dieser Dynamik zu entziehen. Das magische Datum, als die Aufbruchstimmung einsetzte, war das Jahr 1859. Davor war Hennef fast achthundert Jahre lang ein verschlafenes Nest, wo sich Schafe und Kühe auf den Wiesen der Siegaue gute Nacht sagten. Noch um 1800 war die Siedlung Hennef ein Bauerndorf mit 20 Wohngebäuden, die sich rund um die Pfarrkirche St. Simon mitsamt ein paar Wirtschaftshöfe versammelten. Eine Wasserburg, die im 16. Jahrhundert erbaut wurde und heute eine Zahnarztpraxis beherbergt, schlief vor sich her, denn mitten auf freier Flur gab es nichts zu verteidigen.

Erstmals als „Hanafo“ 1075 erwähnt, war Hennef die unbedeutendere Ansiedlung gegenüber Geistingen. Geistingen war deutlich älter, wurde 885 in einer Urkunde genannt, in der König Ludwig III. der Jüngere dem Abt Heinrich in Geistingen einen Herrenhof schenkte („donatio Henrici abbatis de Geistinge“). Die Bürger von Geistingen – und nicht von Hennef – waren dem Landesherren, dem Herzog von Jülich-Berg, im Mittelalter zu Diensten verpflichtet. Außerdem war Geistingen eigener Gerichtsort mit eigenem Galgen. Wichtige Transportwege führten über Geistingen. So wurde Wein aus dem herzoglichen Herrenkelterhaus in Bödingen östlich von Hennef auf dem Weg zum Rhein in Geistingen ausgeladen und musste dort bewacht werden, da die Fracht kostbar war und vor Diebstahl geschützt werden musste.

Die Revolution kam mit der Eisenbahn, die weitgehend geradlinig durch die Landschaft dampfen sollte. In Aufbruchstimmung, planten die Ingenieure die Eisenbahnlinie von Köln nach Siegen. Als bedeutende Stadt aus dem Mittelalter musste die Eisenbahntrasse durch Siegburg führen. Der Bogen, um die Bahnlinie über Geistingen zu führen, wäre zu weit gewesen, so dass Hennef sich gegen Geistingen durchsetzte.

Bahnhof mit Parkhaus
1859, nachdem der Bahnhof gebaut wurde, veränderte sich Hennef grundlegend. In den Folgejahren waren es Bastler, Tüftler und pfiffige rheinische Erfinder, die sich als Unternehmer niederließen und eine Fabrik nach der anderen aus dem Boden stampften. So betrieb Carl Reuther 1862 auf dem Zissendorfer Hof eine Schlosserei und handelte mit Eisenteilen. In Schuppen und Hinterhöfen tüftelte er an der Präzisierung von Geräten zum Messen, Zählen und Wiegen herum, bis er mit seinem Partner Eduard Reisert die erste eichfähige Waage – für Schüttgut – entwickelt hatte.

Daraus wurden die Chronos-Werke, die sich entlang des Siegbogens ausdehnten. Anfang der 1990er-Jahre abgerissen, ist ein Teil der alten Fabrikgebäude mit ihren Ziegelsteinfassaden stehen geblieben. Die Stadt Hennef widmet den Erfindern sogar einen eigenen Waagen-Wanderweg. Auf 26 Stationen kann sich der Betrachter schlau machen  über das Thema Zählen, Messen, Wiegen. Bereits die Bibel und der Koran berichteten über Maße und Gewichte. Des weiteren informiert der Waagen-Wanderweg über den Ursprung der Waage bei den Ägyptern oder die Erfindung der Dezimalwaage 1821 in Straßburg.

Die Produktion von Waagen lief auf Hochtouren, die Schlote rauchten. Ab 1879 wurde in Hennef Eisen und Stahl gegossen, daraus wurden Eisenbahnwaggons gebaut. Mit ihrer Randlage zu ländlichen Gebieten, das waren das Bergische Land und der Westerwald, spezialisierten sich die Hennefer Unternehmer auf den Bau von Landmaschinen, Heuwendern, Häckselmaschinen, Dreschmaschinen, Rübenschneider, Ackerwalzen oder Jauchepumpen. Der Lärm muss in den Fabriken unerträglich gewesen sein, wenn Dampfmaschinen ratterten und brodelten und ihre Kraft über Transmissionsriemen auf die Maschinen übertrugen, bevor um die Jahrhundertwende die Ära der Elektromotoren begann.

Chronos-Werke
Diejenigen Fabriken, die während der industriellen Revolution gebaut worden sind, haben entweder dicht gemacht oder haben sich in Industriegebiete am Stadtrand verflüchtigt. Eine Abrißwelle sondergleichen läutete eine neue Ära ein. So wurden 18.500 Quadratmeter in bester Zentrumslage frei, als eine Büromöbelfabrik sich jenseits der Autobahn A560 vergrößerte. Daraus entstand die Idee, einen Marktplatz zu bauen, die „Neue Mitte“. Hennef krankt daran, dass es nie einen Marktplatz besaß. Händler ließen sich auf der Frankfurter Straße nieder, wo sich Höfe mit Fachwerkbauten vermischten. So etwas wie einen lebendigen Kern muss man suchen. Ein wenig findet man ihn rund um die barocke Kirche St. Simon mit ihrem Zwiebelturm, die mit ihren fein aufeinander geschichteten Bruchsteinen viel älter aussieht als ihr tatsächliches Baujahr 1744.

In der „Neuen Mitte“ konnten sich Stadtplaner und Architekten nach Herzenslust in moderner Architektur austoben. Schaun wir mal. Mit moderner Architektur habe ich Berührungsängste. Zwischen Strichen, Linien, Quadraten, Würfeln und Rauten geht die Symbolik leicht verloren. An der einen Ecke des Platzes übersehe ich beinahe die Kreuzblume, die derjenigen vor dem Kölner Dom nicht unähnlich ist. An der anderen Ecke des Platzes stritten die Verantwortlichen jahrelang, welche Art von Kunst aufgestellt werden sollte. Ein Labyrinth sollte her, oben drauf ein Brunnen. 80.000 Euro waren bereits an Spendengeldern zusammen gekommen, doch die Stadt lehnte ab, weil die Betriebskosten von jährlich 5.000 € nicht tragbar waren. Kostengünstiger und ohne Betriebskosten sei eine Skulptur zu haben, das dachten die Verantwortlichen der Stadt. Sie führten einen Künstlerwettbewerb durch, doch niemandem gefielen die Entwürfe. Die Karnevalisten lösten schließlich das Dilemma. Sie ließen aus Bronze einen 850 Kilogramm schweren Stadtsoldaten formen, den „Stippefott“. Er streckt sein Hinterteil aus und schaut in Richtung Köln, der rheinischen Hauptstadt des Karnevals (die Düsseldorfer mögen mir diese Formulierung verzeihen). Der Vorsitzende der Hennefer Stadtsoldaten kommentierte das jahrelange Hickhack mit den Worten: „Eijentlich mööt mer uns en Denkmol setze, ävver dat määt jo keiner, also dann machen mir dat ävven selbs.“


Neue Mitte
Auch heute wächst Hennef ungebremst. Bald wird die 50.000 Einwohner-Marke überschritten werden. Während die Neubeugebiete ausufern, bleibt in Geistingen alles beim alten. Harmonie trifft auf Umbruch, Tradition auf Dynamik, Abgeschiedenheit auf Verkehrsknotenpunkt. Diesseits und jenseits der Bahnlinie fügen sich die Stadtteile Hennefs zusammen, die manches gemeinsam haben: Hennef und Geistigen wurden gleichermaßen im Zweiten Weltkrieg verwüstet. Und dann gibt es noch den Kurpark, der nahtlos von Hennef nach Geistingen übergeht.

Kurhaus
Industriestadt und Kurort ? Der Gegensatz könnte kaum krasser sein, denn aus der „Neuen Mitte“ befinde ich mich in fünf Minuten Fußweg in der Ruhe des Kurparks. Ruhe und Abgeschiedenheit, die der Kurpark ausstrahlt, verblüffen in der Tat. Großzügig angelegt, mit Wildpark und Teichanlage, im Sinne des Sebastian Kneipp die heilenden Kräfte des Wassers beschwörend, erlebte der Park nach seiner Eröffnung 1912 ein reges Auf und Ab. 1914 wurde der Kurbetrieb mit dem Ersten Weltkrieg eingestellt, 1927 wieder eröffnet, 1930 lobte der Deutsche Kneipp-Bund die Hennefer Kuranlagen: „In Hennef, dem Wörishofen des Rheinlandes, barfuß in Sandalen zu gehen“. Das Datum des 20. April 1934 würden alle Hennefer allerdings am liebsten aus ihrer Stadtgeschichte streichen. Dann wurde nämlich zum 45. Geburtstag des Führers eine Adolf-Hitler-Eiche gepflanzt. In der Nachkriegszeit bescheinigte ein Helklimagutachten, dass das therapeutisch einsetzbare Klima vorzüglich sei. Folglich ging es mit dem Kurbetrieb bergauf, doch 1984 kam das Ende. Die Krankenkassen mussten sparen, und auf ihrer Liste der Kureinrichtungen wurde Hennef gestrichen. Das frühere Kurhaus hat nichts von seinem Stil verloren. Ein halbrunder Balkon schwingt sich über den Eingang. Heute ist dort ein Alten- und Pflegeheim untergebracht.

Nachdem der Bahnhof gebaut wurde, überholte Hennef rasch Geistingen in seiner Entwicklung. Rund um die wieder aufgebaute romanische Kirche hat sich ein kleines Stück des alten Geistingen erhalten. Fachwerkhäuser säumen enge Gassen, die sich krümmen und die Zeit scheint still zu stehen. Die Kirche tut mir leid, denn in der vorletzten Kriegswoche wurde sie am 8. März 1945 komplett zerstört.

Geistigen, romanische Kirche
Trotz so mancher platten Ansätze der modernen Architektur, ist es wie sonst wo in Hennef, dass man die Mühe erkennen kann, das Alte zu bewahren. So hat man  an der romanischen Kirche St. Michael den romanischen Torbogen wieder zusammengeflickt. In Hennef selbst sind es die Überbleibsel der Industriearchitektur, die nicht komplett abgerissen worden sind. Bewundern kann man die Ziegelsteinfassaden der ehemaligen Chronos-Werke und der Meys Fabrik. Während in der Meys Fabrik das Stadtarchiv, die Stadtbibliothek und die Feuerwehr eine neue Bleibe gefunden haben, beherbergen die Chronos-Werke ein Sport-Studio.

Dennoch war nach dem Teilabriss der Chronos-Werke die industrielle Brachfläche überdimensioniert, und zwar so riesig, dass sie bis heute nicht vollständig wieder bebaut worden ist. Ich bin überrascht, dass ich auf dem „Central Park“ verweile, der auf dem früheren Gelände entstanden ist. New York in Hennef ? Assoziationen steigen in mir hoch von einer Flut von Grün, dass aus der einstigen Industriefläche eine grüne Lunge inmitten der Stadt geworden ist. Doch das erweist sich als Irrtum, denn die vermutete Parkanlage fällt eher bescheiden aus. Auf dem kargen Mittelstreifen hocken sich zufrieden ein paar Bäume und Sträucher zusammen, in den Ritzen von Pflastersteinen fühlt sich Löwenzahn wohl. Wie schön, dass er hier sauber ist. Das verspricht auf jeden Fall der Aufkleber „Hennef bleibt sauber“ auf einer blauen Mülltonne aus Plastik. Hennefs Vergangenheit als Kurstadt wird hier doppeldeutig: eine Kneipe heißt „Kneippen an der Sieg“, und unter dem Oberbegriff „Kneippen“ könnte ich bei einer 80er-Jahre-Party mitfeiern. In derselben Lokalität könnte ich auch zocken und pokern. New York ist weit weg, aber nicht viel weniger weit weg ist auf diesem Platz der Zungenbrecher der polnischen Partnerschaftsstadt: Nowy-Dwor-Gdanski.

Radweg über die Sieg
An der Sieg angekommen, stelle ich fest, dass Hennef, die Stadt voller Abbrüche, Umbrüche und Aufbrüche auch reichlich chaotisch sein kann. Längs der Sieg passt nichts so richtig zusammen. Während der Feuerwehrturm der Chronos-Werke aufblüht in seiner morbiden Schönheit, wuchert auf Freiflächen Unkraut. Ladenlokale stehen unter schnell dahin geklatschten Wohneinheiten leer. Glas, Beton, Unkraut. Alleine das Radwegnetz beeindruckt an dieser Stelle. Ich kann zum „Central Park“, längs der Sieg und über die Siegbrücke hinweg radeln, ungestört und ohne jeglichen Autoverkehr.

Hennef hat äußerst viele Facetten, die so uneinig sind, dass ich sie nicht unter Oberbegriffe zusammengefasst bekomme. Ich beschließe, dass Hennef nicht hübsch sein muss, aber durchaus anziehende Seiten hat.


Sonntag, 6. April 2014

Schönwetterblog

Harmonie, Idylle, Schönheit, wer wünscht sich das nicht ? So kritisch und nachdenklich ich in meinem Blog sein will, genauso brauche ich das Schöne. Beides gehört zusammen. Ein Stück Schönwetterblog gönne ich mir, so wie jetzt im Frühling. Auf dem Weg ins Büro und zurück, fahre ich mit dem Fahrrad durch diese Allee voller rosaner Blüten. Kann jemand meine mangelhaften Botanikkenntnisse auffrischen, was für Bäume das sind ?









Jeder Blickwinkel ist für sich schön. Schade, dass die Blütenpracht viel zu schnell vorbei ist.

Freitag, 4. April 2014

unsympathisch

Ich sollte mich nicht irren.

Mir waren nicht nur diese starren Proportionen seines Gesichtes unsympatisch, dieser ausgewogene Bürstenhaarschnitt, dieser Gesichtsausdruck, der zwischen Unsicherheit und Brutalität schwankte, sondern mich störte auch, dass er einen SUV fuhr. Auf Statussymobole war er gepolt, wobei es sicherlich kritisch ist, alle SUV-Fahrer mit vorgefertigten Charaktertypen zu belegen. 

Er war eine seltsame Mischung aus preußischer deutscher Korrektheit und einer Regungslosigkeit, die ihn nur allmählich in eine ruckartige Bewegung versetzte. Ich hatte ihn nie lachen sehen. Wenn wir uns im Supermarkt über den Weg liefen, grüßte er nicht. Prinzipiell war dies nicht schlimm, denn es gibt keinen Zwang, dass mir alle Mitmenschen sympathisch sein müssen.

Eigentlich hatte ich auch keine Berührungspunkte mit ihm. Und eigentlich war es eine Frauenbekanntschaft und keine Männerbekanntschaft. Bestimmt drei oder vier Jahre hatten die Frauen sich nicht gesehen. Unvermitteltes Treffen vor der Raiffeisenbank, kurze Plauderei, Schnellabriss über Geschehenes. Meine Frau und ihre Bekannte hatten sich über unsere Kinder kennen gelernt, als diese während der Grundschulzeit miteinander spielten. Danach brach der Kontakt unter den Kindern ab, während sich die Frauen gelegentlich im Ort sahen und gerne miteinander quasselten.

Wir Männer sind eine Randerscheinung, wenn Termine der Kinder über die Frauen abgesprochen werden. Sie war nett, zuvorkommend, umgänglich, sympathisch, im Gegensatz zu ihrem Mann. Er arbeitete bei den Stadtwerken, leitete ein Team und war mächtig im Streß, auch an Wochenenden, wenn Leitungen entstört werden mussten. Der Streß hatte ihm so sehr zugesetzt, dass sein Magen rebellierte. Er verweigerte die Nahrungsaufnahme, so dass er nur noch wenige Brotsorten verdauen konnte.

Er litt. Die Phasen nahmen zu, dass er krank geschrieben war. Momentan war dies auch so, dass er häufiger krank geschrieben war, als dass er arbeitete. Sie litt genauso, sich um ihren kranken Ehemann zu kümmern. Selbst als ihr Ehemann noch gesund war, machte sie einen leidenden Eindruck, denn ihre Mutter war in einem dreißig Kilometer entfernten Pflegeheim untergebracht.

Persönliche Schicksale können tragisch und schlimm für alle Betroffenen sein. Diesmal kam es anders. Die Wendung war vollkommen unerwartet. Seine Mutter war gestorben. Einige Monate später erzählte er seiner Ehefrau von einem Gerichtstermin. Worum es ginge, fasste sie nach. Um Erbschaftstreitigkeiten. Ob sie ihm dabei helfen könne und mit seinen Geschwistern etwas klären könne. Nein, dies sei nicht nötig, er würde selbst mit seinen Geschwistern reden, um die Unstimmigkeiten zu bereinigen.

Dazu kam es nicht, denn seine Magenkrankheit fesselte ihn erneut an sein Bett. Also nahm sie Kontakt mit seinen Geschwistern auf, um die Meinungsverschiedenheiten wieder ins richtige Lot zu bringen. Es ging um 50.000 €. Ihr Mann hatte mit der Faust auf den Tisch gehauen. Kerngesund, war er mit einem Mal zu einem Energiebündel geworden. Er meinte es ernst, er zeigte Durchsetzungsvermögen und Entschlossenheit, die Euros brachten ihn in Fahrt. Solche Charaktereigenschaften hatte sie als Ehefrau nie kennen gelernt.

50.000 € forderte er von seinen Geschwistern, und die Klage hatte sein Rechtsanwalt bereits beim Amtsgericht eingereicht. Sie platzte aus allen Wolken. Ihr Mann war hartnäckig, unversöhnlich, stur, unzugänglich. Sich an den Vorgaben des Erbrechts orientierend, hatten seine Geschwister ein Angebot nach dem anderen gemacht, sich zu einigen, er hatte aber stets abgelehnt.

Sie fühlte sich wohl bei seinen Geschwistern, die vernünftige Menschen waren, mit denen sie reden konnte. Kleinigkeit für Kleinigkeit kochte hoch, was für ein Ekelpaket ihr Mann war. Weil ihr alles dermaßen unangenehm war, verschwieg sie gegenüber meiner Frau die meisten Begebenheiten. Mit einer Ausnahme: ihre Geschwister erzählten ihr von einem Kreditvertrag, den sie mit unterschrieben hatte. Ganz dunkel in den hintersten Zellen ihres Gehirns erinnerte sie sich, das da mal etwas war. Sie stellte ihren Mann zur Rede. Ja, den Kredit habe es gegeben. Aber er sei seiner Ehefrau gegenüber nicht verpflichtet, Rechenschaft abzugeben. Er sperrte sich. Was mit dem Geld geschehen war, blieb sein Geheimnis.

Das war der Anfang vom Ende. Das Vertrauen war futsch. Sie hatte sich getäuscht, wie abgebrüht er war und was für einen kalten und seelenlosen Typen sie geheiratet hatte. Nach mehr als zwanzig Ehejahren zog sie aus.

Sie darf sich auf einen langen Unterhaltsprozess einstellen. Sie jobbt nur auf 450 €-Basis und Unterhalt wird er nicht zahlen. Bereits im Vorfeld haben sich ihre Kinder darauf eingestellt, dass sie von ihrem Vater kaum finanzielle Unterstützung zu erwarten haben. Beide hätten gerne studiert. Aber sie haben es vorgezogen, finanziell abgesichert eine Ausbildung zu beginnen.

Der Abriss des Geschehenen war kurz, gelöst und unverkrampft. Die unsympathischen Begegnungen, an die ich mich erinnere, haben sich zu einem Ekelpaket entwickelt, um das wir alle einen weiten Bogen machen sollten.