Sonntag, 30. November 2014

Synagogenplatz

Synagoge in den 1930er Jahren;
Quelle Wikipedia
Bisweilen wundere ich mich über mich selbst, dass ich eine unsichtbare Hemmschwelle überwinden muss, um mich mit unserer deutschen NS-Vergangenheit zu befassen. Einerseits mag dies daran liegen, dass mich geschichtliche Themen mit verwickelteren politischen Konstellationen – wie etwa der Erste Weltkrieg - stärker interessieren. Wer die Bösen in SA, SS, NSDAP & Co waren, ist vergleichsweise einfach zu beantworten. Andererseits bin ich aus heutiger Sicht geschockt, was sich alles an Verbrechen, Massenmorden und Völkermord angesammelt hat.

Am 3. November 1938 erfuhr der polnische Jude Herschel Gryszpan in Paris, dass seine jüdische Familie vertrieben worden war. Daraufhin erschoß er einen Legationssekretär in der deutschen Botschaft in Paris. Er war Mitglied der NSDAP war und starb am 9. November 1938. Noch in der Nacht, nach dem Tod des Legationssekretärs Ernst Eduard vom Rath, ordnete Joseph Göbbels an:

„Sämtliche jüdische Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können. […] Die Presse ist heranzuziehen. Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden. […] Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen. An den zerstörten jüdischen Geschäften, Synagogen usw. sind Schilder anzubringen, mit etwa folgendem Text: ‚Rache für Mord an vom Rath. Tod dem internationalen Judentum."

Nun tobte der Mob in ganz Deutschland, so auch in Bonn-Beuel. Am 10. November wurde die jüdische Synagoge abgefackelt, die 1902 erbaut worden war. So hat die deutsche Nation es geschafft, sich auf Augenhöhe zu bewegen mit den Taliban, die Buddha-Statuen in die Luft sprengen, oder mit Islamisten wie Boko Haram, die in Nigeria Kirchen während eines Gottesdienstes in Brand setzen und Besucher des Gottesdienstes nieder metzeln.


An der Stelle, an der einst die Synagoge stand, wurde 1992 ein Mahnmal gebaut. Mich überrascht, da ich des öfteren an dem Mahnmal vorbei geradelt bin, es aber nie bemerkt habe, da ich stets nach rechts abseits vom Blickfeld des Mahnmals abgebogen bin.


Der Platz heißt nun „Synagogenplatz“.


Das Mahnmal bilden sechs unterschiedlich hoch gemauerte, dreieckige Säulen, deren Grundrisse einen Davidsstern ergeben.


Im Zentrum des Mahnmals steht ein Gedenkstein.


Dieser trägt die Aufschrift:
1933 lebten IN BEUEL 140 JÜDISCHE
BÜRGER. 1941/1942 WURDEN 46 IM
KLOSTER ZUR EWIGEN ANBETUNG IN
BONN-ENDENICH ZWANGSINTERNIERT
UND VON DORT IM SOMMER 1942 DEPORTIERT .
SIE STARBEN IN LITZMANNSTADT ,
THERESIENSTADT UND AN
UNBEKANNTEM ORT IM OSTEN.


Die Oberfläche des Gedenksteins zeichnet das Aussehen der Synagoge nach.


Die Straßenkreuzung am Synagogenplatz wurde nach Siegfried Leopold benannt, der in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt wurde und dort sogar überlebte.

Freitag, 28. November 2014

Alexa Thiesmeyer - Bonn-Krimis "Kottenforst" und "Melbtal"

Im Kottenforst, einer alten Kulturlandschaft vor den Toren Bonns, geschieht so einiges. Eine Horde von Jugendlichen lungert herum, sie stacheln sich gegenseitig an und begeben sich in den Abgrund eines Verbrechens. Die Stadtteile Röttgen und Ückesdorf, voneinander getrennt durch die Talsenke der „Hölle“, sind die Schauplätze des ersten Krimis von Alexa Thiesmeyer. Das weitschweifige Waldgelände des Kottenforstes, teure Grundstücke und ausladende Villen geben die Kulisse ab für einen Mord, der sich paradoxerweise in einem Theaterstück ereignet. „Verdammt, es ist ein Mord geschehen“ diese realen ersten Worte des Theaterstückes verschmelzen mit der Wirklichkeit, weil sich tatsächlich auf der Theaterbühne ein Mord ereignet hat.

Pilar, die Theaterregisseurin, löst diesen Fall. Urig, unkompliziert, unkonventionell, ein Kämpfertyp, naiv und bisweilen etwas schusselig, so beschreibt Alexa Thiesmeyer ihre Hauptperson, die gemeinsam mit dem Privatdetektiven Freddy auf die Suche nach dem Mörder geht. Sie bezieht den Leser ein in die häusliche Idylle ihrer Großfamilie, zu der auch zwei Katzen und zwei Hunde gehören, die so manchen Unsinn anrichten.

Die Menschen in ihrer Umgebung klingen vertraut, wenn sie zeitweilig den rheinischen Dialekt sprechen. Aber keine Angst. Formulierungen wie „Datt määt doch nix“ nehmen nicht Überhand, so dass der bestens unterhaltene Leser kein rheinisches Wörterbuch zur Hand nehmen muss, um die Inhalte zu verstehen.

In ihren großzügigen Häusern am Rande des Kottenforstes verhalten sich die Menschen aber auch abweisend, stecken voller Neid, sie meiden und beschimpfen Pilar. Alexa Thiesmeyer zieht gekonnt diesen Spannungsbogen über die landschaftliche Schönheit des Kottenforstes, der subtilen Psychologie der handelnden Personen und der unscharfen Rolle der herumlungernden Jugendlichen, die gleichzeitig Leere und Aggression verbreiten.

Alexa Thiesmeyer; Foto: Michèle Lichte (www.bonnentdecken.de)
Gemeinsam mit Freddy, einem Kommilitonen aus ihrer Studienzeit, der vor 20 Jahren durch das Examen gerasselt ist, und nun eine Detektei gegründet hat, die kaum Gewinn abwirft, so dass er auf dem Markt Obst und Gemüse verkauft, geht sie auf Verbrecherjagd – ohne die Polizei. Der Kontakt zur Kommissarin Michaela Ahrbrück im Polizeipräsidium ist zwar fest, aber irgendwie schafft Pilar es jedesmal, wenn sie Beweise hat, dass sich diese im Nichts auflösen, so dass sie unglaubwürdig wird. So begeben sich schließlich Pilar und Freddy – der entsprechend seinem alternativen Lebenswandel entweder mit seiner Citroen 2CV-Ente oder mit dem Fahrrad unterwegs ist – alleine auf die Jagd nach dem Mörder. Diesen überwältigen sie schließlich, was auch Freddys goldener Spürnase und Pilars mutigem Auftreten zu verdanken ist.

In ihrem zweiten Kriminalroman, Melbtal, wagt sich Alexa Thiesmeyer hinein in die in sich abgeschlossene Welt eines Altenheims mit rüstigen Rentnern und Rentnerinnen, hoch betagten Greisen und Greisinnen, aufopferungsvollem Pflegepersonal, Krankheiten, Wehwehchen und Rollatoren. Wieder beschreibt Alexa Thiesmeyer mit geradezu rheinischem Humor, wie der Privatdetektiv Freddy und Pilar auf eigene Faust ermitteln und wie sie mit allerlei List und Tricks in den Mikrokosmos des Altenheims eindringen.

Der Leser erlebt so manche Überraschung, denn außer den beiden aktuellen Morden im Altenheim werden zwei ungeklärte, dreißig Jahre zurückliegende Morde, die sich in eben jenem bedeutungsschwangeren Melbtal ereignet haben, gleichzeitig aufgearbeitet. Und dann fügt sich bei der Recherche nach den Mördern alles zusammen: Motiv, Täterprofil, Zeitpunkt, Indizien, die Abläufe der beiden Morde passen. Pilar und Freddy haben alle Beweise zusammen, um die Täter dingfest zu machen.

Doch das wäre zu einfach gewesen, wenn nach rund zwei Dritteln des Buches der Fall gelöst worden wäre. Pilar und Freddy müssen sich ihrem Schicksal ergeben, denn erneut blamieren sie sich bei der Kriminalpolizei. Die Polizei verhaftet den Täter, nicht zuletzt unter tatkräftiger Mithilfe von Pilars beiden Hunden. Die Beweiskette platzt aber, als der Täter ein wasserdichtes Alibi hat. Wieder einmal erweisen sich Pilars Recherchen als Hirngespinste einer theaterspielenden Hausfrau, so dass die beiden ohne Mithilfe der Polizei in ihrer hemdsärmeligen Art weiter ermitteln dürfen.

Wie im Krimi „Kottenforst“ ist die höchst unterhaltsame Mischung dieselbe: dubiose Gestalten lassen den Leser erschaudern, menschliche Abgründe tun sich auf, auch juristische Abgründe, da ein skrupelloser Anwalt mit Leichtigkeit rechtsfreie Räume ausnutzt. Detail- und facettenreich bewegt sich Pilar im Alltags- und Nachbarschaftsgeschehen, ihre Warmherzigkeit steht gegen das rationale Kalkül potenzieller Verbrecher. Gemeinsam mit Freddy läßt sie nicht locker, ermittelt hartnäckig und läßt sich durch nichts aus der Ruhe bringen.

Beide Kriminalromane sind herzerfrischend, spannungsgeladen und sie haben mich so gefesselt, dass ich sie kaum aus der Hand legen konnte. Mit Hochspannung erwarte ich weitere Bonn-Krimis von Alexa Thiesmeyer.

Dienstag, 25. November 2014

Wanderung über die Apollinaris-Schleife

Im letzten Jahr hatten wir diese Aktion Management-like und vergleichsweise professionell aufgezogen. Im „Team Day“ sollten wir aufeinander eingeschworen werden, als Gruppe, als Team, noch mehr sollten wir harmonieren, wir sollten mehr miteinander reden, unser Output und unsere Arbeitsergebnisse sollten sich verbessern. Dabei gab es – objektiv gesehen – nicht so riesig viel zu verbessern. Dafür spendierte unsere Firma einen Eurobetrag, den ich nicht kannte. Wir ließen eine Trainerin kommen, einen kompletten Tag schlossen wir uns in einem Besprechungsraum ein. Die Trainerin ließ uns fleißig erzählen, sie hörte zu, und sie notierte sich einiges, was wir tagtäglich machten, auf einem Flipchart. Unsere Vernetzung als Team hielt sie in einer Powerpoint-Präsentation fest. Ein paar lustige Spielchen lockerten den Tag auf, der sowieso locker war wie ein gut aufgegangener Streuselkuchen.

Neue Chefin, neues Glück. Sie mochte die Bewegung und schlug vor, den „Team Day“  in diesem Jahr nach draußen zu verlegen. Präziser formuliert: wandern anstatt den Eurobetrag an eine Trainerin zu verpulvern. Wo wir wanderten, klärte sich rasch. Per Zufall entdeckte ich die Apollinaris-Schleife in Remagen im Internet, dessen Länge mit 13 Kilometern passte, die idiotensicher beschildert war, das hatte mir die Tourist-Information in Remagen versprochen, und die auch mit der Bahn erreichbar war.

Schließlich fuhren wir nicht mit der Bahn, sondern mit PKWs, und wir trafen uns am Ausgangspunkt der Apollinaris-Schleife, der Apollinaris-Kirche. Einen kurzen Blick gönnte ich mir, indem ich in die neugotische Kirche hinein schaute und die Fresken aus dem Leben des Heiligen Apollinaris betrachtete, so seine Buschofsweihe, sein Tod und seine Totenerweckung.

Mit unseren zehn Arbeitskollegen ging es zunächst bergauf. Durch dichten Wald folgten wir dem weißen Symbol einer Schleife mit einem Turm obendrauf, das unseren Wanderweg markierte und uns bis zum Ende der Wanderung treu blieb. Wir folgten einem Bachlauf, der Kurven im Zickzack hinterließ, wobei der Anstieg aus dem Rheintal erste Zeichen von Anstrengungen hinterließ. Bald stießen wir auf eine Villa im Wald, die einer schillernden Unternehmerpersönlichkeit im Rheinland gehörte. Frank Asbeck, Firmeninhaber der Solar World AG, die in finanzielle Schieflage geraten war, hatte dieses Anwesen im Jahr 2008 gekauft und nutzte diese seitdem, um seinem Jagdhobby nachzugehen. 

Nach zwei bis drei Kilometern flachte der Anstieg ab. Er verlief über Trippelpfade mitten durch den Wald, wo uns die Beschilderung der weißen Schleife auf rotem Untergrund sicher den Weg wies. Nachdem wir die Hauptstraße überquert hatten, öffnete sich das Gelände hinter Wiesen, deren morsche Einzäunung jämmerlich zusammengebrochen war. Zwischen Waldstücken hindurch konnten wir auf den fernen Schimmer der Mittelgebirgskette – das war der Westerwald - auf der anderen Rheinseite schauen. Mehrfach drehten wir unsere Richtung, Wiesen wechselten mit Eichen- und Buchenwald. Nach weiteren zwei bis drei Kilometern gelangten wir zu der Hütte des Scheidskopfes.

Der Buckel des Scheidskopfes, 280 Meter hoch, lag leicht oberhalb der Hütte, von der aus wir einen grandiosen Blick hatten in die sich auftürmende Kulisse der Eifel, die hinter dem Ahrtal anstieg. Dabei schoben sich Maisfelder in dieses Gemisch aus Wiesen, Wald und Feldern. Mit der sich anbahnenden Kulisse der Eifel hatte der Vulkanismus Einzug in die Landschaft gehalten, so dass der Scheidskopf einst ein Vulkan war. Der Scheidskopf war sogar sehr jung, nur wenig älter als Maria Laach, so dass sein Alter auf rund 11.000 Jahre zu datieren war. Wie auf der anderen Rheinseite, wurde dort Basalt abgebaut, so dass der Vulkankegel fast vollständig verschwand. In den 1920er Jahren endete die Ära des Steinbruchs.



Nun hatten wir die Hälfte der Wanderung geschafft, und von Ermüdung war noch keine Spur. Wir drehten zurück, liefen ein Stück parallel zum Zaun der Straßenfarm. Von diesem Standpunkt aus sahen wir so manches Neue und Überraschende, aber keine dieser Laufvögel aus dem fernen Australien, die hier heimisch geworden waren, wagte sich in unsere Nähe. Ich staunte, dass ein Pilgerweg von unserem Wanderweg abzweigte. Da sich das Pilgern nach Santiago de Compostella großer Beliebtheit erfreut, hatte man im Rheinland alte Pilgerwege zu neuem Leben erweckt. Einer dieser Pilgerwege führt von Bonn aus über die Rheinhöhen nach Mainz, davon auf diesem Teilstück von Remagen nach Bad Bodendorf an der Ahr.

Weitere zwei bis drei Kilometer marschierten wir durch schwierigeres Gelände, das feucht war. Großspurige Pfützen sammelten sich, doch wir fanden die Lücke eines trockenen Pfades. Zu dieser positiven Grundstimmung gesellte sich das schöne Wetter, denn inzwischen hatte blauer Himmel die Wolkendecke auseinander gerissen. Vier, fünf, sechs Ameisenhaufen türmten sich mit ihrem Gekrabbele am Wegesrand auf, und so wüst und unsystematisch, wie sich das Gekrabbele auf dem Haufen konzentrierte, löste es sich auf dem Waldweg wieder auf. Wir begegneten einem Jogger in einem blauen T-Shirt, mit einem Schweißband auf der Stirn, dessen Gesicht erschöpft und ausgepowert aussah.

Nach rund zehn Kilometern machten wir Pause auf einer Bank, und irgendwie schien sich seine Erschöpfung auf uns übertragen zu haben. Ich glaubte zu beobachten, dass unsere ungeübten Wanderer große Mengen an Flüssigkeit tranken. Es wurde auch eine Kleinigkeit gegessen, Kekse, Müsli-Riegel, Bananen, Apfelstücke. Kaum fünf Minuten waren vergangen, dann begegnete uns erneut derselbe Jogger, blaues T-Shirt, Schweißband auf der Stirn, erschöpftes Gesicht. Mit unseren müden Beinen verweilten wir noch eine Zeitlang, so dass uns die Sequenz, bestehend aus Jogger, blaues T-Shirt, Schweißband, erschöpftes Gesicht, mehrfach begegnete , mehrfach freundlich grüßte und zur festen Institution unserer Pause wurde. Gut ausgeruht und gestärkt, schafften wir auch noch die restlichen drei Kilometer bis zur Apollinaris-Kirche zurück.

Am Brauhaus Remagen ließen wir den gelungenen Tag ausklingen. Das war ein „Team Day“ der anderen Art, der bewundernswert einfach strukturiert war. Mir zeigte die Gestaltung, dass Büro-Alltag nicht durchgängig in Management-Theorien hinein gepresst sein sollte. So manche Dinge laufen unterschwellig, in Kategorien des Verhaltens ab. Und solch ein „Team Day“ zeigte eine viel größere Wirkung als derjenige im letzten Jahr, der in das strenge Korsett des Büroalltags gezwängt war.

Wir ließen es uns schmecken. Der Blick auf den Rhein beflügelte mich um ein Vielfaches im Vergleich zu dem Blick auf nackte Bürowände. Und die Kosten für das Essen im Brauhaus, die die Firma spendiert hatte, dürften einiges niedriger sein wie solch eine ganztägige Veranstaltung mit einer Trainerin. 

Sonntag, 23. November 2014

Rohmühle

1856 wurde in Bonn eine Zementfabrik gebaut. Dabei entwickelte der Chemiker Hermann Bleibtreu ein Verfahren, indem er Ton aus der Umgebung von Alfter mit Gestein aus Kalk vermischte. In mehreren Schichten wurden 15 Meter hohe Öfen mit dem Kalk-Ton-Gemisch und mit Koks gefüllt und dann verbrannt. Nach dem Brennvorgang entstand aus der Kalk-Ton-Mischung eine Zementart, die man weithin als Portlandzement bezeichnet. Das Kalkgestein stammte anfangs aus der Umgebung von Mainz und wurde auf Schiffen heran transportiert. Ein wesentlicher Produktionsschritt war das Zerkleinern und Zermahlen des Kalkgesteins, da dieses für die Zementherstellung entsprechend feinkörnig sein musste. Dazu wurde in einer Fluchtlinie mit den Schachtöfen auf dem Werksgelände in Rheinuferlage eine 4 ½ geschossige Mühle gebaut. 1986 wurde die Produktion in der Zementfabrik eingestellt und das Gelände wurde an eine Immobiliengesellschaft verkauft. Die Zementfabrik wurde abgerissen, die Mühle – nach dem Produktionsschritt „Rohmühle“ genannt – wurde unter Denkmalschutz gestellt, ab den 2000er Jahren entstanden auf dem einstigen Fabrikgelände mehrere Bürogebäude und ein Hotel.


So sah das Zementwerk im Jahr 1892 von der anderen Rheinseite aus (Quelle Wikipedia).


Dies ist derselbe Blick im Jahr 2010 (Quelle Wikipedia).





Bäume und Herbstlaub verdecken die Gebäudefront der Rohmühle, die ein Restaurant beherbergt.



Mit der Ziegelsteinfassade, den kleinen Fenstern, den Zinnen und der Andeutung von Türmen sieht die Rückseite ganz ähnlich aus. 



Der Blick auf den Rhein und das Siebengebirge ist überwältigend.


Der Sonnenuntergang über dem Rhein ist genauso phantastisch.

Samstag, 22. November 2014

mit dem Rennrad nach Euskirchen

Herbststimmung im Kottenforst
Wenn die bunten Farben des Herbstes nasses Laub auf Wegen und Straßen hinterlassen, dann denke ich an einen früheren Arbeitskollegen. Er erzählte mir, dass er bergab mit seinem Rennrad in einer Kurve auf dieser glitschigen Masse in Rutschen kam und stürzte. Danach durfte er sechs Wochen lang mit einem Gipsarm durch die Gegend laufen. Auf so etwas kann ich gut verzichten. So schön solche Herbststimmungen sind: vor Stellen, an denen sich nasses Herbstlaub in einen glitschigen Film verwandelt, habe ich Respekt, vor allem, wenn es den Berg hinuntergeht. So würde ich in dieser Jahreszeit niemals von den Höhen des Siebengebirges ins Rheintal fahren.

Die Etappe nach Euskirchen ist daher mit wenigen Ausnahmen flach. Und auch etwas zum Ausruhen, es sei denn, ich hätte mit den Tücken des Gegenwindes zu kämpfen. Vom Alten Zoll aus den Rhein entlang, rechts an der Godesburg vorbei, dem Straßenverlauf folgend geht es nach oben, dann geradeaus in den Kottenforst hinein, in dem ich mich von der bunt gemalten Herbststimmung berauschen lasse. An manchen Stellen sammelt sich das Herbstlaub auf dem Boden. Ebene Stellen sind unkritisch und ich kann auf den glitschigen Untergrund aufpassen, starkes Gefälle könnte gefährlich werden.

Es geht vorbei an dem gelb gestrichenen Gärtnerhäuschen, welches zu dem im Geist des Absolutismus gebauten Barockschlosses Herzogsfreude gehörte, kurz dahinter steht die Kaiser-Wilhelm-Eiche für deutschen Patriotismus. Dann geht es immer geradeaus unter die Autobahn A565 hindurch, am Bahnhof Kottenforst vorbei, bis sich die Felder vor Lüftelberg öffnen. Auf der Hauptstraße nach rechts, dann nach links, in Flerzheim wieder nach rechts, am Ortsende nochmals rechts durch die Felder nach Ramershoven.

Ich passiere den Dorfteich, den ich als ruhige, selige und entspannte Insel wahrnehme, wo der Spiegel der Herbstblätter die Wasseroberfläche verzaubert. Danach erreiche ich über die Autobahnbrücke die Umgehungsstraße von Rheinbach. Ich fahre über die Ampel geradeaus, dann biege ich am Kreisverkehr nach rechts ab und lerne Rheinbach auf seine unkonventionelle Art kennen. Alles zugebaut, Neubaugebiete erschließen sich in einer unermeßlichen Dimension. Die Ausgleichsmaßnahmen zum Bonn-Berlin-Beschluss brachten Rheinbach die Fachhochschule. Und seitdem sich Rheinbach Hochschulstadtort nennen darf, schmückt sich die Stadt gleichzeitig mit dem Titel eines Technologiestandortes. Rheinbach wird nicht hübscher dadurch, denn Bau- und Gewerbegrundstücke wuchern ins Uferlose, so dass ich beinahe glaube, ich wäre in einer Großstadt.

Dorfteich in Ramershoven
Schroffer könnten die Gegensätze kaum sein. Jenseits der Bahnlinie haben die Rheinbacher mit viel Sorgfalt und Liebe diejenigen Stücke der mittelalterlichen Festungsstadt zusammengeflickt, die der Zweite Weltkrieg übergelassen hat. Diesseits der Bahnlinie radele ich durch Neubaugebiete, die in einer Art von Massenabfertigung hoch gezogen worden sind. Ich lande auf der Keramikstraße, die um einiges älter zu datieren ist als all die flammneuen Gebäude drumherum, und ich biege nach links ab.

1743 ließen sich Töpfer aus dem Kannenbäcker Land im Westerwald in der Grafschaft und in Rheinbach nieder. In Heimarbeit fertigten sie, wie sie es Jahrhunderte lang gelernt hatten, Töpfe und Krüge in ihrem Dekor aus dem Westerwald. Wie bei anderen Werkstoffen, übernahmen Maschinen die handwerkliche Produktion, so die aus dem Rohstoff Ton gefertigten Töpferwaren. 1860 entstand eine Keramikfabrik, die, wie der Zufall es wollte, 1880 gleich an das Eisenbahnnetz angebunden war. Die Fabrik wuchs und gedieh prächtig, zumal die Vertriebswege direkt ins Firmengelände führten. Ich folge der Keramikstraße, die schließlich parallel zur Bahnlinie verläuft. Dabei fahre ich an verschlossenen Werkstoren einer verlassenen Keramikfabrik vorbei, die sich immerhin 150 Jahre lang behaupten konnte, aber 2012 den Gang in die Insolvenz antreten musste.

Bei der nächsten Querstraße biege ich nach links ab, ich passiere den Bahnübergang und halte mich am nächsten Kreisverkehr rechts in Richtung Bad Münstereifel. Nach einem Kilometer folgt erneut ein Kreisverkehr, wo ich geradeaus weiter fahre. Linkerhand schottet sich nun hinter einem Drahtzaun alles systematisch ab, denn dort liegt das Gelände der Tomburg-Kaserne. Militärischen Drill, marschierenden Stahlhelmen oder geschulterten Gewehren werde ich dort nicht begegnen, dennoch  warnt der Kasernenkommandant vor Schußwaffengebrauch, sollte jemand diesen Zaun überschreiten. Das Gelände ist nicht ganz so hoffnungslos zubetoniert wie ein Industriegebiet, es ähnelt diesen aber mit seinen Verladerampen, langgestreckten Hallen und bauklotzartigen Bürogebäuden. Dabei gibt es auf dem Kasernengelände durchaus Ecken, in denen sich das Grün zwischen weiten Exerzierplätzen behauptet.

„IT-Sys-Bw“ – was die Soldaten hinter dem Kasernentor umtreibt, versteckt sich hinter dieser rätselhaften Abkürzung. Im Klartext heißt dies: hier wird weder geschossen, noch im Stahlhelm durch das Unterholz gerobbt. Ausgeschrieben heißt dies: IT-Systembetreuung der Bundeswehr, also sitzen hier IT-Spezialisten, die Kampfflugzeuge oder Panzer mit der neuesten Software aufrüsten, so dass etwa Raketen noch treffsicherer werden. Besonders spannend und streng geheim stelle ich mir das Thema IT-Sicherheit vor: wie Attacken von Hackern und Schadprogrammen abgewehrt werden, wie, basierend auf der vollständigen Verdatung und Vernetzung, Kriege im Netz geführt werden können. Beispiele dafür gibt es durchaus: als im Kosovo-Krieg 1999 serbische Luftabwehrsysteme durch einen Computervirus gestört wurden oder als 2010 ein anderer Virus das Atomkraftwerk in Buschehr im Iran lahm legte.

Tomburg-Kaserne in Rheinbach
Ein kurzes Stück geht es mächtig bergauf, aber bevor ich den Rhythmus des Anstiegs gefunden habe, flacht dieser wieder ab. Gleichzeitig biege ich hinter dem zartgelb gestrichenen Pferdehof nach rechts ab,  wo es bis zum Etappenziel nach Euskirchen noch 15Kilometer sind. Einen Kilometer weiter, spüre ich, dass die Präsenz der Bundeswehr nicht nachläßt. Schilder im Wald warnen davor, dass das Betreten verboten ist, und einen Kilometer weiter liegt dann folgerichtig, hinter hohen Bruchsteinmauern und einem Stacheldrahtverbau, ein Munitionsdepot.

Welche Mengen an Patronen, Bomben und Granaten dort lagert, will ich nicht wissen, und anstatt dessen folge ich der Landstraße schnurgeradeaus durch den Wald, wo welke Blätter von den Bäumen rieseln und sich zu Impressionen einer leicht beschwingten Herbststimmung verdichten.

Der nächste Ort, Flamersheim, das hätte ich nicht vermutet, reicht in seiner Entstehungsgeschichte weit ins Mittelalter hinein. Dabei war es ein Unfall, der Flamersheim ins Kreuzfeuer der Geschichte rückte. 814 war Karl der Große gestorben, und 870 übernachtete Ludwig der Deutsche auf einem königlichen Gut, genannt „Flameresheim“ (in quandum regiam villam, nomine Flameresheim). Am nächsten Tag wollte er weiterreiten nach Marsana – das war Meersen in den Niederlanden -. Dort wollte er sich mit Karl dem Kahlen treffen, um zu regeln, wie das Nachfolgeimperium regiert werden sollte, wenn sie denn selbst irgendwann sterben würden.

Als er in der Herberge des königlichen Gutes übernachten wollte, krachte es im Gebälk. Über dem Söller lag sein Schlafzimmer, und als er dieses betrat, stürzte der Söller mit seinen faulen und morschen Balken ein. Dabei zerquetschten die Balken zwei seiner Rippen. Aber wie Könige halt so sind, ritt er, von Schmerzen gepeinigt, am nächsten Tage weiter bis nach Meerssen, wo dann auch der Vertrag von Meerssen zustandekam, der Eingang in die Geschichtsbücher fand.

Dorfplatz in Flamersheim
Flamersheim war sogar noch älter: die Archäologen fanden Ascheurnen und Goldschmuck, Gefäße aus Stein und Glas, Ringe und Lampen aus Bronze, Münzen des Feldherrn Trajan und auch Reste der Wasserleitung aus der Römerzeit, die Köln aus den Quellen der Eifel mit Wasser versorgte. Um 900 zerstörten dann Normannen des königliche Gut, auf dem Ludwig der Deutsche verunglückte. 1058 wurde eine erste Kirche gebaut, dessen Alter in römischen Ziffern in Stein gemeißelt war. MLVIII, diese Ziffernfolge fand sich auf einem roten Sandstein an der Südostkante des Kirchturmes wieder, der 1888 verschwand, als die Kirche im neuromanischen Stil komplett umgebaut wurde.

Was heutzutage reichlich Stoff für Thriller und Action-Serien hergeben würde, war am 5. Oktober 1629 brutale Realität in Flamersheim. Ab dem Jahr 1628 ergriffen Wellen von Hexenprozesse die Eifel und die Voreifel, in deren Verlauf rund 1.500 Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. All die Details des Grauens und Schreckens dokumentiert das Flamersheimer Hexenprotokoll, das die Prozesse von fünf angeklagten Hexen aus Gerichtsakten und Zeugenaussagen beschreibt. Eine der angeklagten Hexen hatte angeblich die Tiere mit einem Schadenszauber  verhext. Danach wurde ein Pferd unterwegs krank und starb in Ahrweiler. Und ein anderes „schönes graues Pferd verhielt sich ganz übel“, bis es schließlich starb. Das klingt ein wenig nach Bibi Blocksberg, wenn nicht alles so schrecklich gewesen wäre. Den Hexen wurde vorgeworfen, sie wären mit dem Besen zum Hexentanz geflogen, sie hätten sich mit anderen Hexen und mit dem Teufel verschworen. Auf dem Scheiterhaufen wurden schließlich drei von ihnen verbrannt.

Ich nähere mich Stotzheim. Kaum zu bemerken, geht es seicht hinab zur Erft, und vorher mogele ich mich an dem etwas verwinkelten Ortskern von Stotzheim vorbei. Wenn man in dieser Gegend in der Erde gräbt, stößt man, so scheint es, ungefähr überall auf Überreste aus der Römerzeit. Eine Hofanlage, eine Furt über die Erft, eine Römerstraße, Reste und Spuren davon haben die Römer in Stotzheim hinterlassen.

Baumreihe an der Landstraße
Es geschah aber auch Übersinnliches in Stotzheim. In den 1920er Jahren verschlug es eine Zigeunerin nach Stotzheim. Sie hieß Margarethe Goussanthier, auch genannt „Madame Buchela“, weil sie angeblich unter einer Buche geboren wurde, und wurde nach ihrer Hochzeit seßhaft in Stotzheim. Ihr Ehemann aus Köln war die große Liebe ihres Lebens. Fast schon brav und gut bürgerlich lebte das Ehepaar  in Stotzheim zusammen, wenn nicht die Nationalsozialisten an die Macht gekommen wären, die Zigeuner gnadenlos verfolgten. Sie schaffte es, in der Eifel unter zu tauchen, während ihr Bruder und ihre Mutter in Konzentrationslagern ermordet wurden. Ihr Ehemann starb auf dem Schlachtfeld.

Ihr Talent, das Wahrsagen, hatte Madame Buchela, schon als 8-jährige entwickelt, als sie die Tod ihres Bruders voraussah. Heutzutage unvorstellbar, reinigte er in den Vorjahren des Ersten Weltkriegs die Pistole seines Vaters – und dabei löste sich ein Schuß, der ihn tödlich traf. In den 1950er Jahren erlangte sie Berühmtheit, als sie der Fürstin Soraya Esfandiary-Bakhtiary einen Ehemann mit Krone prophezeite. Zwei Jahre später heiratete sie den Schah von Persien. Politiker besuchten sie wegen ihrer übersinnlichen Fähigkeiten – darunter Konrad Adenauer. Ihm sagte sie den Wahlsieg 1953 voraus, die Rückführung von Kriegsgefangenen aus Russland und den Ausgang des Saarreferendums. 1958 zog sie weg aus Stotzheim an die Ahr, wo sich nun in Bodendorf, später in Remagen Prominente die Klinke in die Hand gaben.

An der großen Verkehrskreuzung mit Ampel, die die Bundesstraße B51 überquert, fahre ich geradeaus, an dem nächsten Kreisverkehr rechts, wo ich über eine Nebenstraße nach Euskirchen hinein fahre. Stadtwald, Waldrestaurant, Krankenhaus, durch sauber sortierte Wohngebiete fahre ich immer geradeaus über die Münstereifeler Straße ins Zentrum, bis ich die Bahnlinie durch die Unterführung unterquere, dann fahre ich gegen die Einbahnstraße rechts, was für Fahrradfahrer auf diesem Abschnitt erlaubt ist. Nach einhundert Metern quert die Fußgängerzone, die vom Bahnhof zum Marktplatz verläuft, die Straße.

870 erstmals als „Kirche auf der Aue“ dokumentiert, verliehen die Herzöge von Jülich 1302 die Stadtrechte, ab 1355 befestigten sie Euskirchen mit einer Stadtmauer mit vier Stadttoren und sieben Türmen. Wirtschaftlich ging es mit der Textilindustrie bergauf, nachdem der 30 jährige Krieg die Tuchproduktion in Bad Münstereifel zum Erliegen brachte. Selbst im 18. Jahrhundert kam der Wiederaufbau wegen plündernder französischen Truppen in Münstereifel nicht in Gang, so dass 1771 der Herzog von Jülich händeringend den Rat der Stadt Euskirchen um Hilfe bat, um „eine Tuchfabrikation im Euskirchener Kloster einzurichten, da die übrigen Jülicher Mithauptstädte diese und jene fördernde Einrichtung besäßen, Euskirchen aber „nur Ackerbau“ habe und dass durch Missernten Not und Armut der Bevölkerung steige“. Nun ging es wirtschaftlich bergauf. Schon drei Jahre später ließen sich „sieben auswärtige Händler mit Wollentuch und allerlei Stoffen“ in Euskirchen nieder. Ab 1800 öffneten sich die Absatzmärkte nach Frankreich, als die Truppen Napoleons einmarschierten. Ab 1815, als die Preußen Napoleon vertrieben hatten, öffneten sich die Absatzmärkte in die andere Richtung zu allen großen und kleinen Gebieten, die zur Preußischen Zollunion gehörten. Kurzum, die Textilindustrie wuchs in Euskirchen, bis sie am Vorabend des Ersten Weltkriegs 21 Tuchfabriken zählte.

Es läßt sich nicht leugnen, dass Euskirchen platt ist, denn zu viel wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Aber immerhin, die Stadt macht mich neugierig, sie regt an, einen Rest haben die Bomben des Zweiten Weltkriegs übrig gelassen. Die Struktur ist geblieben, und moderne Architektur erhält in Euskirchen kein solches Übergewicht, dass sie alles erdrückt.




Euskirchen: Marktplatz (oben), Marktbrunnen (darunter),
Rathaus (darunter links), Antwerpener Schnitzaltar (darunter rechts),
Zuckerfabrik (ganz unten)
Nicht nur die Textilindustrie, auch die Achse vom Bahnhof zum Marktplatz, auf der ich nun mein Rennrad schiebe, hat maßgeblich die Entwicklung Euskirchens bestimmt. Und dazwischen verlaufen wiederum Querverbindungen. Tuche wurden zum einen auf dem Markt verkauft, zum anderen wurden diese auf Exportmärkten abgesetzt. Dabei rückten ferne Absatzmärkte immer näher, nachdem diese durch das Eisenbahnnetz erschlossen wurden. 1864 wurde die Eisenbahnlinie von Düren nach Euskirchen fertig gebaut, gleichzeitig wurde der Bahnhof im damals klassizistischen Stil gebaut. Das Eisenbahnnetz wuchs rasch, nach Köln, nach Bonn, nach Bad Münstereifel und nach Trier. Schon um 1900 erreichten die Bahnanlagen Größenordnungen, wie sie ansonsten in großen Städten üblich waren. Sechs Gleise mit drei Bahnsteigen, vier Abstellgleise, ein eigener Güterbahnhof mit zwanzig Gleisen, ein Güterschuppen mit Laderampe, ein Lokschuppen mit Drehscheibe, fünf Stellwerke, ein Wasserturm.

Der Bahnhof war ambivalent, denn er bedeutete Fluch und Segen. Segen, weil die Stadt reich wurde durch Industrie und Exportmärkte. Fluch, weil der Bahnhof Bestandteil der Strategie zweier Weltkriege wurde. So marschierten ab August 1914 Soldaten von der Kaserne in der Frauenberger Straße über den Marktplatz zum Bahnhof. Von dort aus rollten die Züge pausenlos, im Zehnminutentakt, nach Westen, beladen nicht nur mit Soldaten, sondern vor allem mit Munition, Kanonen, Mörsern, Granaten, Geschützen, Haubitzen, in Richtung Eifel und Trier und Lothringen, wo die Kriegsfront wartete und die Materialschlachten kein Ende fanden. Im Zweiten Weltkrieg war es anstatt dessen der Bombenkrieg, der Euskirchen traf. Auf der Bahnlinie rollte, wie dreißig Jahre zuvor, der Nachschub an die Kriegsfronten. Also wurde gezielt der Eisenbahnknotenpunkt bombardiert. Ich glaube, den Zerstörungsgrad zu begreifen, denn, je weiter ich mich vom Bahnhof entferne, um so weniger leidet Euskirchen unter diesem platten Stil der Nachkriegszeit.

Dieses Stück des beschaulichen Euskirchen darf ich dann am Marktplatz bewundern, wo ich die Querverbindung zur Textilindustrie wieder herstellen kann: der Marktbrunnen illustriert auf Bronzeskulpturen typische Berufe, das sind ein Ledergerber, eine Marktfrau und ein Tuchweber. Auf dem Marktplatz atme ich Ruhe ein. Noch ist die Außengastronomie bei gedämpften Temperaturen leergefegt, das hat sich aber möglicherweise am 11.11. geändert, denn Getränkestände warten auf die Narren „im Hätze von Oeskerche“. Neugierig macht mich der Rathausturm, dessen Form mich an der gegenüberliegenden Ecke des Platzes an mittelalterliche Belfriede aus Flandern erinnert. Auf der Hinweistafel vor der Rathausfassade lese ich, dass der Rathausturm jünger ist als ich vermutet hatte. Das ist definitiv kein mittelalterlicher Export aus Flandern, denn die Ursprünge des Rathauses reichen zwar ins 14. Jahrhundert zurück. Aber, obschon vom Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont, stammt die Bausubstanz des Rathausturms im wesentlichen aus der Jahrhundertwende um 1900. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Turm grundlegend umgebaut, der davor 1734 abgebrannt war und davor 1501 im Stil der Renaissance gebaut worden war.

Nun bewege ich mich zurück durch die Fußgängerzone, wobei ich mir diesmal keinen Blick auf den lohnenswerten Antwerpener Schnitzaltar in der Pfarrkirche St. Martin gönne. Heraus aus Euskirchen fahre ich entlang der Bahnlinie immer geradeaus in Richtung Bonn. Dabei biege ich an der großen Verkehrsampel, wo sich die Bundesstraßen B51 und B266 kreuzen, ein Stück nach links in Richtung Köln. Ich biege sogleich wieder nach rechts ab, wo ich an dem stark eingezäunten Flachbau des Fraunhofer-Institutes vorbei komme, um auf ruhigen Nebenstrecken weiter zu radeln. Ich überquere den Bahnübergang, dort knickt die Straße nach links ab und schon bin ich in der Weite von Feldern, die ins Unendliche zu gehen scheint.
Kirche in Klein-Büllesheim

Vor dem nächsten Ort, das ist Klein-Büllesheim, kapiere ich, was das eigentliche Wahrzeichen von Euskirchen ist. Das ist die Zuckerfabrik, dessen fette Rauchsäule die grauen Wolken, die keinen Regen bringen, noch schwerer erscheinen läßt. Der stramme Wind pustet den Rauch, der sich aufbläht wie zu einem Ballon, waagerecht zur Seite. Erst nach Momenten der Unentschlossenheit löst er sich wieder auf  und driftet unerkannt über das Stadtgebiet hinweg.

In Klein-Büllesheim fügt sich alles zusammen und hat seine Ordnung. Die weiße Kirche im Ortskern ist klein, zierlich, hübsch anzuschauen und Grüppchen von Buchen scharen sich auf dem Friedhof zusammen. Vor den Mauern des Friedhofs plätschert ein Bach in einem schmalen Grasstreifen, der sich in einem angrenzenden Wasserschloß zu einem mächtigen Graben öffnet. Die Zeit scheint hier stillgestanden zu sein, denn Hofanlagen haben überdauert, rostbraune Klinkerfassaden haben sich gehalten, ebenso schwarz-weiß gestrichene Fachwerkbauten, und zwischen dem Mauerwerk aus Bruchsteinplatten fühlt sich das Moos wohl.

Mit der Zeitreise in die Vergangenheit sieht der nächste Ort, Dom-Esch, sehr ähnlich aus. Die Zeit ist hier genauso konserviert worden, so dass der Ort wie ausgestorben aussieht. Und dabei weiß ich nicht so richtig, was ich davon halten soll, dass der Zug einer Beerdigung die Hauptstraße regelrecht versperrt. Das wirkt jedenfalls höchst authentisch, der Messdiener mit Kreuz vorne weg, die demütige Gang des Pastors mit dem Gebetbuch in der Hand, all die Trauernden in tiefstem Schwarz, zum Ende hin der Sarg. In meinem allzu sportlichen Outfit wage ich mich nicht an der Trauergesellschaft vorbei und drehe anstatt dessen zurück in den Ort. Wie anderenorts in und um Euskirchen herum, führen die ersten Spuren in die Römerzeit zurück. Später, das war 854, wurde ein Fronhof mit Gutskapelle erwähnt, noch später, das war um 1000, wurde eine erste Kirche gebaut. Dom-Esch trägt schon sehr lange diesen Doppelnamen. „Esch“ steht für „Esche“, „Dom“ steht für den Domhof, und dieser wurde, was einfach abzuleiten ist, vom Domprobst in Köln verpachtet. So kann der Domhof bis auf das Jahr 1197 zurück datiert werden, wobei ich mittlerweile die fiktive Grenze überschritten habe zwischen den Herzögen aus Jülich, deren Machtgebiet bis Euskirchen ging, und den Kölner Kurfürsten. 140 Morgen Acker- und Weideland gehörten zum Domhof, so steht es in den Verzeichnissen des Kölner Erzbischofs, dazu kam eine eigene Mühle, eine eigene Gerichtsbarkeit und ein eigenes Zehntrecht. So, wie der Domhof heutzutage steht, ist er in wesentlichen Teilen 1762 entstanden. Gänse schnattern, rennen geschlossen auf mich zu, belagern mich vor der Hecke, ihr Geschnattere artet in einem ohrenbetäubenden Lärm aus. So erlebe ich Landleben pur am eigenen Leib.

banales Heimerzheim
Ich radele weiter durch abgeerntete Felder. Baumreihen markieren Bachläufe, ein letzter Rest von gelbem Raps behauptet sich gegen den Herbst. Mein Blick schweift friedlich in die Ferne, wo Kirchtürme die Leere in der flachen Ebene auflockern. Hinter Straßfeld tut sich dann Überraschendes. Eine Kiesgrube hat sich wie ein Fremdkörper in die Felder gefressen, Sand verschmutzt die Fahrbahn, Erdaushub versperrt die Sicht auf die Kiesgrube. Und das Landschaftsbild beginnt sich zu verändern. In der Ferne krümmt sich der Höhenzug des Kottenforstes nach oben, als ich mich Heimerzheim nähere. Heimerzheim ist kühl, spröde, banal, auch etwas abweisend und so diffus wie die Mobilfunkantennen auf achtstöckigen Mehrfamilienhäusern. Ich überquere die Hauptstraße geradeaus, wo ein Wegekreuz dem Neubau der Raiffeisenbank weichen musste, das steht auf einer Hinweistafel. Weiter geradeaus, krieche ich den Höhenzug hinauf, dann nach rechts auf die Landstraße in Richtung Bornheim.

Die Landstraße nach Bornheim ist wenig fahrradfreundlich. Der Autoverkehr drängelt sich. Schwere LKWs kostet es Mühe und Zeit, mich bei freiem Gegenverkehr überholen zu können. Wieso sich die Verantwortlichen nicht entschließen konnten, einen Fahrradweg zu bauen, ist mir ein Rätsel. In Bornheim-Brenig komme ich an einem schmucken Wasserturm vorbei, dann donnere ich die 10% Gefälle in die Köln-Bonner Bucht hinunter. Über Bornheim, Hersel und immer geradeaus den Rhein entlang geht es zurück zum Alten Zoll.
fahrradunfreundliche Straße von Heimerzheim nach Bornheim
Strecke (77 km):



Samstag, 15. November 2014

Ghost Bike

Weiß lackiert, an eine Straßenlaterne angelehnt und mit einem schwarz eingerahmten Schild zwischen Sattel und Lenker des Fahrrads – so werden Autofahrer an das tragische Ereignis am 7. Dezember 2013 erinnert. Dass auch Fahrradfahrer im Straßenverkehr getötet werden, mag in den Unfallstatistiken eher eine Randnotiz sein, da Verkehrsunfälle, bei denen Fahrradfahrer getötet werden, vergleichsweise vernachlässigt werden können. Im Jahr 2013 war es gerade ein Anteil von ein Promille an allen Verkehrstoten. Dennoch geschah an diesem schicksalshaften 7. Dezember 2013 schreckliches.

Ein Fahrradfahrer befuhr tagsüber bei klaren Sichtverhältnissen die Straße „Landgrabenweg“ in einem Streckenabschnitt, wo an einem Kreisverkehr die Auffahrt zur Autobahn A562 nach rechts abbiegt. Der Radfahrer wollte die Straße „Landgrabenweg“ geradeaus weiter fahren, um zum Stadtteil Beuel zu gelangen. An der Stelle, wo die Rechtsabbiegerspur auf die Autobahn abbiegt, übersah eine 82-jährige Autofahrerin den Radfahrer, sie überfuhr den Radfahrer, ohne auf die Bremse zu treten. Der Radfahrer war auf der Stelle tot, der Notarzt kam zu spät.

Die Tradition der „Ghost Bikes“ stammt aus den USA. Dort werden weiß angestrichene Fahrräder als Mahnmale aufgestellt für Fahrradfahrer, die im Straßenverkehr getötet werden und die ständig ein Risiko darstellen, weil sie leicht übersehen werden können. Die „Ghost Bikes“ sollen Autofahrer auf Gefahrenpunkte hinweisen, wo sie besonders auf Fahrradfahrer zu achten haben.

2009 wurde in Deutschland erstmals in Berlin ein „Ghost Bike“ aufgestellt, 2010 folgte die Stadt Köln, im August 2014 wurde erstmals in Bonn ein „Ghost Bike“ - oder auch „Geisterrad“ - aufgestellt. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club hat organisiert, dass „Ghost Bikes“ - wie in den USA - ein Umdenken im Straßenverkehr anstoßen sollen. Dort wird diese Bewegung als „critical mass“ bezeichnet. So versammelten sich Ende August 130 Fahrrad-Aktivisten am Unfallort in der Landgrabenstraße, während das „Ghost Bike“ aufgestellt wurde, indem sie auf die gefährdete Situation von Fahrradfahrer aufmerksam machten und auch eine bessere Verkehrsinfrastruktur für Fahrradfahrer forderten.


Der getötete Fahrradfahrer hieß Michael Hübner und er starb 47-jährig. Das strafrechtliche Verfahren gegen die 82-jährige Autofahrerin läuft noch. In anderen Fällen gab es Verurteilungen wegen fahrlässiger Tötung.


Ich reflektiere auf mich selber, weil ich die Stelle kenne und auch selbst dort mit dem Fahrrad gefahren bin. Dies allerdings mit dem grundlegenden Unterschied, dass ich in die umgekehrte Richtung gefahren bin, wo es einen eigenen Fahrradweg gibt.


Dies ist der Fahrradweg, den ich benutzt habe. An dem Zustand gibt es nichts zu meckern, wobei anderenorts die Fälle aber zahlreich sind, wenn Bordkanten überstehen, Baumwurzeln den Asphalt zu Buckelpisten verformen oder Schlaglöcher zur bedrohlichen Falle werden.


In der anderen Richtung geht es nach rechts direkt auf die Autobahn. Dementsprechend ballt sich dort der Autoverkehr zusammen.

Ich selbst wechsele ungerne auf die linke Straßenseite, wenn dort ein Fahrradweg verläuft, weil mir die Wechsel zu unstetig sind. Sehr oft - das hat mir meine Erfahrung gelehrt - muss ich kurz darauf wieder auf die rechte Fahrbahnseite zurück wechseln, was lästig ist und was Zeit kostet. Wenn ich keine Ortskenntnisse gehabt hätte, wäre ich dieselbe Strecke gefahren wie der getötete Michael Hübner.




Das Mahnmal des Fahrrads finde ich originell und imposant. Ich hoffe, es hilft, dass Autofahrer sensibilisiert werden, dass sie Fahrradfahrer an Gefahrenstellen mehr beachten.

Samstag, 8. November 2014

Grundriss einer romanischen Kirche

Den Hinweisen eines Hobby-Historikers ist es zu verdanken, dass im Stadtteil Niederholtorf die Grundmauern einer romanischen Kirche aus dem 11. Jahrhundert frei gelegt wurden. Dieser Heimatforscher hatte am Rande des Siebengebirges ein sehr altes Gemäuer im Erdboden entdeckt, und er glaubte daran, dass der Bau des Gemäuers sehr viele Jahrhunderte zurück lag. Daraufhin informierte er das Rheinischen Amt für Denkmalpflege, die Ärchäologen gruben und sie wurden auch fündig. In ein Meter Tiefe gruben sie zwei Skelette aus. Daraufhin bestimmte die Universität Kiel mit Hilfe einer Radiokarbonuntersuchung das Alter der Skelette. Das Ergebnis war eine faustdicke Überraschung. Die Skelette, wovon eines einem vierjährigen Kind gehörte, datierten auf das Jahr 1024. Ebenso wurde die Gemäuer im Erdboden freigelegt; diese wurden auf das 11. Jahrhundert geschätzt. Der Grundriss der Mauern entsprach einer romanischen Kirche. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass die Mauern im 13. Jahrhundert abgerissen wurden, wobei die Steine für umliegende Höfe und Wohngebäude genutzt wurden. Vermutlich, weil die romanische Kirche nur dreihundert Jahre existiert hat, taucht diese in keinerlei Besitzverzeichnissen von Abteien, Höfen, Herzögen, Grafen oder Königen auf. Die Kirche hat aber nachweislich an dieser Stelle am Rande des Siebengebirges gestanden.


An dieser Stelle ist das Kindergrab mit einer Grabplatte markiert.




Der Grundriß der Kirche ist mit Steinplatten markiert.



Sonnendurchflutet, ist das Gesamtbild beeindruckend.